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Früher was das halt so, da herrschten ziemlich raue Sitten

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Weil sie Schande über die Familie brachte,  gab's am Kindbett eine Watsche

Damals
Meine Tante Anni, im Bild als Firmling, wurde mit 15 Jahren von einer Tochter entbunden. Ihr Vater bestrafte sie noch im Kindbett

Als uns kürzlich mein 50-jähriges "Patenkind" Sabine nach längerer Zeit wieder einmal einen Besuch abstattete, kamen wir im Laufe des Gesprächs auf alte Zeiten zurück und frischten Erinnerungen auf. Ihre Mama war meine 15 Jahre ältere Cousine Resi, die leider vor drei Jahren verstorben ist.  Deren Mutter Anni war die Schwester meiner Mama Katharina . Sie wuchsen beide in Lohen Gemeinde Vogtareuth im Landkreis Rosenheim auf.  Die Familie Straßer hatte zehn Kinder, eins davon ist bei der Geburt, zwei sind im Kindesalter gestorben.   Sepp hat es mit 27 Jahren wegen einer bis dahin unbekannten Krankheit dahingerafft. "Durchgekommen" sind:  der Erstgeborene Sohn Martin, der Ludwig und der Franz. Die drei Mädchen Anna, Katharina und Therese hatten einen schweren Stand, sich gegen "de Buam" durchzusetzen, die damals  in der Rangordnung des Familienclans höher gestellt waren. "Das ist halt so" hieß es. Ein Argument war, dass sie mehr Kraft hatten und ergo mehr anpacken konnten. Das heißt aber nicht, dass den Mädchen nicht noch genügend Arbeiten übrig blieben, die sie nach der Schule zu verrichten hatten. Großen Wert legten die Eltern damals darauf, dass die Mädchen anständig waren. Sittsam, bescheiden und still, genauso wie es in der bayerischen Fernsehserie "Das königlich bayerische Amtsgericht" dargestellt wurde. Das war aber auch nicht immer zu gewährleisten, denn die heranwachsenden Mädchen waren genauso hübsch, wie sie heute sind. Das bemerkten natürlich vor allem die jungen Männer. Ich will hier nicht näher ins Detail gehen. Tatsache ist, dass meine Tante Anni damals mit 15 Jahren von einem 29-jährigen Mann, der auf dem Anwesen mitarbeitete, schwanger wurde. Mein Großvater soll darüber fuchsteufelswild gewesen sein. Die Schwangerschaft wurde so lange es ging, verheimlicht. Was unverzeihlich war, dass er ihr bei der Entbindung noch eine saftige Watschn (Ohrfeige) verpasste. Tante Anni erzählte später, dass nicht der körperliche Schmerz, sondern der seelische Schock es war, der sie ein Leben lang verfolgte. Auch meiner Cousine ließ man es immer wieder spüren, dass sie nicht erwünscht war. Aber "es war halt so".

Resi, so hieß der "Bangert", war kurioserweise später das "Herzibopperl", über den der Opa nichts kommen hat lassen. Das sorgte wiederum bei Unmut bei den anderen seiner Kinder. Der Vater von Resi hätte Anni, die blutjunge Kindsmutter, die ja selbst noch ein Kind war, baldmöglichst heiraten wollen, doch Opa jagte ihn vom Hof. Seine Tochter Anni hatte er nicht einmal gefragt. "Das war halt so" so rechtfertigte meine Mutter die Eigenmächtigkeit ihres Vaters. Resi machte ihn später ausfindig, als sie selbst schon ein Kind hatte. Er lebte in der Nähe von München und hatte eine Familie. Den Kontakt zu ihm hielt sie dennoch eine Zeit lang aufrecht. 

Am Sterbebett des Vaters war das Versprechen an meine Mutter vergessen

Damals
Mein Opa lag bei der notariellen Übergabebeurkundung in den letzten Zügen (siehe die krakelige Unterschrift unter dem Schreibmaschinentext)

Dass Mädchen früher gegenüber den Buben eine untergeordnete Rolle spielten, dafür ist meine Familie beziehungsweise mein Opa, den ich nicht mehr kennenlernen konnte, ein typischer Beweis. Wie ich in meinem Blogartikel "Mein Onkel konnte aus Baumstämmen Schuhe machen"  bereits erwähnt hatte, war der älteste Sohn der Familie Straßer aus Lohen Gemeinde Vogtareuth der Hoferbe. Das war ungeschriebenes Gesetz und von allen seinen Geschwistern als Selbstverständlichkeit voll und ganz akzeptiert.  Da Luck aber stark lädiert aus dem ersten Weltkrieg heimkehrte und deshalb in seinem erlernten Beruf als Zimmerer nicht mehr arbeiten konnte, sattelte er zum Holzschuhmacher um. Das erforderte aber auch viel Kraft, denn die schweren Holzstämme mussten schließlich in die Werkstatt getragen und bearbeitet werden. Ohne fremde Hilfe wäre das nie und nimmer zu schaffen gewesen. Doch da kam meine Mutter Kathi ins Spiel, die sich bis dahin ihren Lebensunterhalt bei fremden Bauern verdiente. Sie musste nach Hause zurückkehren, wo sie dringend gebraucht wurde. Ob es ihr recht war und vor allem sie es körperlich schaffen konnte, stand außer Frage. Es wurde ihr Kost und Logie zugesagt und darüber hinaus sollte sie später einen kleinen Baugrund bekommen, der sich in unmittelbarer Nähe des Anwesens befand. So weit so gut. Luck (Ludwig) konnte sich mit Hilfe meiner Mutter ein gut florierendes Geschäft aufbauen. Holzschuhe waren damals Alltags-und Arbeitsschuhe. Außerdem beschränkte sich sein Produktangebot nicht nur auf Holzschuhe, sondern auch auf Rechen und Sonstiges, was man aus Holz brauchbares und nützliches machen konnte. 

Wie meine Mutter mir später erzählte, stieß sie manchmal an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit. Aber schlapp machen kam nicht in Frage, auch wenn man ansonsten als Mädchen nicht für vollwertig galt.

Was das Versprechen ihres Vaters letztendlich wert war, zeigte sich am Sterbebett meines Opas. Mein Onkel Ludwig holte am 10.Oktober 1946 in Eile einen Notar herbei, um die Hofübergabe zu verbriefen. (Siehe eingefügtes Bild) Mein Opa lag förmlich in den letzten Zügen, als ihm die Unterschrift abgenötigt wurde. Er hatte dem zugunsten meines Onkels Luck formulierten Testament zugestimmt. Wortwörtlich hieß es darin, dass "die Eheleute Josef und Katharina Straßer ihren Sohn Ludwig Straßer das Anwesen mit sämtlichen dazugehörigen Grundstücken" übergaben. Mit keinem Wort wurde die Zusage, dass meine Mutter für ihre Arbeit den Baugrund bekommen sollte, erwähnt. Es wurde lediglich notariell  verfügt, dass der Übernehmer "seinen Geschwistern Katharina Straßer  und Franz Straßer je auf die Dauer ihres ledigen Standes das unentgeltliche Wohnrecht im südwestlichen Zimmer des 1. Stock des Wohnhauses im freien Aufenthaltsrecht im ganzen Haus, insbesondere in der allgemeinen Wohnstube" gewährt. .Für meine Mama war es selbstverständlich, dass sie am Totenbett ihren Vater nicht mehr "mit solchen Sachen" behelligte. Dabei hatte sie immer von einem kleinen Häuschen mit ein paar Zimmern geträumt, wenn sie mal Familie hat. Der Erbe, mein Onkel hatte eine Frau und vier Kinder. So ging meine Mutter leer aus. Mein Onkel wollte sich nicht mehr an das Versprechen erinnern, obwohl der Vater dies in seiner Anwesenheit ausgesprochen hat. Trotzdem ließ sie meinen Onkel nicht im Stich und half ihm noch eineinhalb Jahre in der Holzschuhmacherei bis zu ihrer Hochzeit . Er war ja schließlich ihr Bruder. Ihr jüngster Bruder Franz war zu dieser Zeit noch in russischer Kriegsgefangenschaft und kam erst etliche Jahre später nach Hause. Ihm putzte sie das Zimmer, verköstigte ihn, wusch ihm die Kleidung und erledigte auch noch sonst so manches. "Das war halt so", sagte sie immer zu mir. Dennoch klang immer die Enttäuschung darüber mit, dass sie immer für andere "den Deppen" machen musste, wie man gut bayrisch sagt.

Ausgenutzt, belogen und betrogen - Der holprige Lebenslauf meiner Mama

Meine Eltern Karl und Katharina Giglinger. Meine Mutter trug meist eine Schürze, nur zum Gang in die Kirche zog sie sich festlich an.
Meine Eltern Karl und Katharina Giglinger. Meine Mutter trug meist eine Schürze, nur zum Gang in die Kirche zog sie sich festlich an.

Meine Mutter wurde in ihrem ganzen Leben vom Schicksal nicht gerade verwöhnt. Wie bereits erwähnt, war sie bereit mit 13 Jahren auf sich gestellt und fort von zuhause ihren Lebensunterhalt bestreiten. Meine Großeltern waren froh, dass eine Person weniger am Tisch war. Trotzdem waren sie bestrebt, dass alle halbwegs satt waren und keiner ihrer Kinder hungern musste. Ihre Mutter wartete immer, dass alle Kinder genug bekamen, bevor sie sich selbst etwas von ihrem selbst gekochten und aufgetischten Essen nahm. Wie es im Leben so ist, findet man irgendwann mal Gefallen am anderen Geschlecht. Siegfried hieß die erste Liebe meiner Mama, die jedoch tragisch endete. Er musste im Krieg sein Leben lassen. Wie, wo und wann genau, hat sie nie erfahren.

Dann kam der Bauerssohn Hans. Sie "gingen" insgesamt zehn Jahre miteinander, waren schon so gut wie verlobt, bis er ihr gestand, dass er eine andere heiraten will. Der Grund war offensichtlich. Sie bekam mehr Heiratgut mit, was früher ein wichtiges Kriterium für eine Verehelichung war. "Wos da daheiratst, brauchst ned erarbeiten!" hieß es. "Es war halt so." sagte meine Mutter wieder einmal, als sie mir die traurige Geschichte ihrer Jugend erzählte. Das kuriose war, dass sie sich das Schlafzimmer schon zusammen gespart hatte, falls Hans sie mal heiraten würde. Eine Weile nachdem diese Beziehung zu Ende gegangen war,  lernte sie meinen Vater Karl Giglinger kennen, der jedoch noch mit einer Österreicherin verheiratet war. Sie wollte jedoch nach Beendigung des 2. Weltkrieges im Mai 1945 nicht zu ihm nach Deutschland ziehen. Er reichte die Scheidung ein. Aus dem Techtelmechtel mit meiner Mutter wurde allmählich etwas Festes.  Obwohl ich nicht geplant war,  ließ ich mich davon nicht abhalten, als "lediges Kind" auf die Welt zu kommen. "Es ist kein gottgewolltes Kind" sagte der Pfarrer bei der Taufe, der mir auch den einfachen Namen "Eva" verweigerte. Es musste noch ein heiliger Name dazu und der war schließlich "Maria". Kurz nachdem die Trennung nach langem Hin und Her zwischen den deutschen und österreichischen Behörden amtlich besiegelt war, legalisierten meine Eltern am 10. April 1948  mit der  standesamtlichen Heirat das "gschlamperte Verhältnis". Jetzt waren wir mit Vater, Mutter Kind eine Familie - wir waren die "Giglinger's".

Mit einem Teil ihrer Familie hatte meine Mutter die Verbindung abgebrochen. Der kriegsversehrte Bruder und Hoferbe, für den sie jahrelang umsonst gearbeitet hatte,  gewährte ihr nicht einmal kurzfristig die  Lagerung eines neuen Schlafzimmers im Stadel des heimischen Anwesens. Die Angst vor Streitigkeiten mit seiner keifenden Frau, die nichts mit seiner Familie zu tun haben wollte, war zu groß.  Mitte des Jahres 1948 kam die Währungsreform. Alles Ersparte meiner Mutter war jetzt "hin" - das heißt die Reichsmark war null und nichtig. Für das Geld das sie sich für die Aussteuer und Möbel zur Seite gelegt hatte, war rein gar nichts mehr wert. Aber irgendwie mussten sie sich die Möbel die sie brauchten, von fremden Menschen beschaffen beziehungsweise günstig erwerben. Mein Vater verdiente sich das Geld als Bauhelfer bei der Firma Baumann in Aising bei Rosenheim und in seiner Freizeit als gelernter Mechaniker bei seinem Jugendspezl Sebastian Dangl, der in Lohen eine Werkstatt hatte. Meine Mutter half manchmal bei Bauern aus, wenn mein Vater zuhause war und auf mich aufpasste. Eine Kinderbetreuung oder einen Kindergarten gab es zu dieser Zeit noch nicht. "Das war halt so!" sagte meine Mutter, die ihrem Leben trotz allen Enttäuschungen immer wieder etwas Positives abgewinnen konnte.

Das bisschen Haushalt macht sich ganz allein, sagten damals die Männer

Damals
Der Waschtag war früher eine unangenehme, beschwerliche und kräftezehrende Hausfrauenarbeit

""Wie eine Frau sich überhaupt beklagen kann ist unbegreiflich" das war zu Lebzeit meiner Mutter die überwiegende Meinung der Männer, die den Haushalt und die Erziehung der Kinder als wunderschöne Freizeitbeschäftigung für ihre Frauen erachteten. Das Bürgerliche Gesetzbuch schrieb damals folgendes vor: Wollte eine Frau arbeiten, musste das ihr Ehemann erlauben. Erst 1977 wurde das Gesetz geändert. Bis 1. Juli 1958 hatte der Mann, wenn es ihm beliebte, den Anstellungsvertrag der Frau nach eigenem Ermessen und ohne deren Zustimmung fristlos kündigen können. In Bayern mussten Lehrerinnen zölibatär leben wie Priester – heirateten sie, mussten sie ihren Beruf aufgeben. Denn sie sollten entweder voll und ganz für die Erziehung fremder Kinder zur Verfügung stehen. Oder alle Zeit der Welt haben, um den eigenen Nachwuchs zu hegen. Bis 1958 hatte der Ehemann auch das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Auch wenn er seiner Frau erlaubte zu arbeiten, verwaltete er ihren Lohn. Das änderte sich erst schrittweise. Ohne Zustimmung des Mannes durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen. Das galt noch bis 1962. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Für manche Männer von heute paradiesische Zustände, die gottlob der Vergangenheit angehören. Aber "damals war es halt so" 

 

Mein Vater hatte schon auch manchmal solche Anwandlungen, wenn er meiner Mutter vorhielt: "Du hast es ja gut, du sitzt den ganzen lieben Tag zuhause und lässt den Herrgott einen guten Mann sein!"  Dabei zog sie das ganze Brennholz für die kalten Tage mit dem Leiterwagen heim und bearbeitete es ofenfertig vor.  Das machte sie nach Meinung meines Vaters gern. Heute würde man sagen, es war ihr Hobby. War natürlich Quatsch, denn es war reine Schinderei und schon gar für eine Frau. Je nach Saison pflückte sie "Taubern" (Blaubeeren) und Himbeeren, und war dankbar, wenn sie bei etlichen Bauern Äpfel und Birnen, die vom Baum fielen, aufsammeln durfte. Genauso wie die Erlaubnis von Johannis-und Brombeeren sowie Holunder abzupfen eine gerne angenommene Zuwendung bedeutete. Sie machte Marmelade und Saft daraus. Alles, was nichts kostete aber mit viel Arbeitsaufwand verbunden war. Wer nicht viel Haushaltsgeld zur Verfügung hatte, wie wir, war für die Gaben der Natur sehr dankbar. Schwammerl (Pilze) gehörten dazu. Mein Vater liebte Schwammerlsuppe. So ging meine Mama in der Zeit, in der sie wuchsen, oft in den Wald, der sich in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung befand. Erst als in ihrem Korb so viele drin waren, dass Karl seine geliebte Schwammerlsuppe mit Knödel und Gurkensalat bekam, machte sie sich wieder auf den Heimweg. Ich mochte sie auch gern, aber mein Lieblingsessen war Schweinsbraten mit Semmelknödel und Kartoffelsalat.

Auch das Waschen der Kleidung war damals eine echte Strapaze.

Die meist stark verschmutzte Baumwoll-Wäsche kochte meine Mutter in einem Zuber mit kochend heißen Wasser auf unserem Holzherd in der Küche aus. Dabei handelte es sich überwiegend um die Alltagskleidung - also Arbeits-bzw. Werktagsklamotten. Die trug sie in einem Schaff nach draußen, um sie mit Kernseife einzuweichen und dann auf dem Waschtisch, der vor unserem Küchenfenster stand,  mit einer Wurzelbürste kräftig zu schrubben.  Erst als sie mit klarem Wasser ausgespült und ausgewrungen war, konnte man sie aufhängen. Einiges, das schnell trocken werden musste, wurde über Nacht in der Küche über die Stühle gehängt. Alles andere wurde auf die Wäscheleine hinter dem Haus gehängt. Im Winter war die Wäsche gefroren und hing deshalb entsprechend lange an der Leine, bis sich das Eis verflüchtigt hat und der Wind sie trocknen konnte. Etwa alle drei Wochen war bei Mama Waschtag angesagt. Die Fest-und Sonntagskleidung wurde nur wenig gewaschen. Die hing sie zum Lüften raus. 

Nach dem diese Arbeit erledigt war, musste die Wäsche noch gebügelt werden.  Ich weiß, dass meine Mutter so ein uraltes Ding hatte, das man am Ofen erhitzen musste.  Sie legte ein nasses Tuch über Wäschestücke, um damit die Temperatur entsprechend zu regulieren. Wie gesagt: Haushalt war früher noch viel, viel schwieriger als heute. Aber meiner Mutter war offensichtlich nichts zu beschwerlich. Sie schleppte am Samstag den großen Waschzuber aus Zink von der Holzlege die Küche, denn da war Badetag.  Im Winter schob sie an eisigkalten Werktagen das Moped meines Vaters in die warme Küche, damit es ansprang, wenn er zur Arbeit musste. Dafür stand sie um 5 Uhr früh auf, um einzuheizen. Sie putzte am Wochenende die Küche und brachte den Boden mit Bohnerwachs auf Hochglanz. Nicht zu vergessen ihre Backkünste. Sie verwöhnte uns mit herrlich duftenden und gut schmeckenden Kuchen und Datschis.  Für sie war Haushalt anscheinend nie ein Problem, weil sie immer sagte: "Ja mei, damals war's hoid a so!"  Mein Vater und ihr Bruder Franz, den sie zudem versorgte, wie auch ich machten uns zumindest keine Gedanken darüber, wie sie es bewerkstelligte. Es war unseres Erachtens ihre Aufgabe.  Hauptsache das Essen stand zu den Mahlzeiten pünktlich auf den Tisch und auch sonst war alles verfügbar, wenn man es brauchte. Haushalt war eben Frauensache!!! Punkt! "Des war hoid a so"  Der Egoismus der restlichen Familienmitglieder wird sie manchmal insgeheim ganz schön geärgert und enttäuscht haben. Aber die Zufriedenheit ihrer Familie stand bei ihr immer an erster Stelle.

Emanzipiert heißt arbeiten, haushalten und erziehen gleichzeitig dürfen

Im Laufe der Zeit emanzipierten sich die Frauen zusehends. Sie nahmen sich mehr Freiheiten heraus, was in den meisten Fällen in den Augen der Männer so aussah: Die Frauen "durften" endlich arbeiten, also sollten sie auch. Die Ansprüche wurden höher und so war ein zusätzlicher Verdienst zu dem des Mannes von Nöten. Leider gab es zu meiner Zeit weder Kindergeld, noch eine entsprechende Kinderbetreuung, Elterngeld schon gar nicht. Die Mutterschutzfrist begann sechs Wochen vor dem voraussichtlichen Entbindungstermin und endete acht Wochen nach der Geburt des Kindes. Dann musste man sich entscheiden, ob man in die Arbeitsstelle zurückkommt oder daheim bleibt. Meine erstgeborene Tochter Carina kam im Februar 1969 zur Welt. Ich habe damals in einem Elektro-Großhandel im Büro gearbeitet. Es stand für mich außer Frage, ob ich daheim bleibe oder weiterhin arbeiten gehe. Es wurde vorrangig von meinem Schwiegervater erwartet, wenn ich schon das Glück hatte, in ein Anwesen einzuheiraten, dass ich finanziell weiterhin etwas beitrage. Rückwirkend gesehen, würde ich das heute keinesfalls mehr tun. Damals sah ich es als meine Verpflichtung an, mein zwei Monate altes Kind zu meiner Mutter zu geben, die zu diesem Zeitpunkt 12 Kilometer entfernt wohnte. Ich "besuchte" die beiden, so oft ich konnte. Ich war gerade 21 Jahre und hatte eine Riesensehnsucht nach meinem Baby. Aber als eingeheiratete "Bleistiftspitzerin" sah ich keine andere Möglichkeit. Für meine Mama war es eine ablenkende, gerne angenommene Aufgabe, um besser über den Tod meines Vaters hinwegzukommen, der am 11.November 1968 verstarb. Als im Jahr 1972 meine zweite Tochter Tanja unterwegs war, stand ich wieder vor der Entscheidung "beim Kind daheim bleiben oder weiterhin arbeiten gehen". Mein Mann war inzwischen von meinen Schwiegereltern zum Hoferben auserkoren worden. Bald darauf mussten sie ihren kleinen landwirtschaftlichen Betrieb wegen zu geringer Einnahmen aufgeben.  Schon damals hieß es "Wachse oder Weiche". Bauernsacherl wurden immer unwirtschaftlicher. Wir bauten das Haus und den Stall zu einem Sechsfamilienhaus um.  Da wir außer über einen Bausparvertrag nur über ein geringes Eigenkapital verfügten, war klar, dass ich, sobald die Kleine drei Jahre alt war, wieder in das Berufsleben einsteigen werde. Ansonsten hätten wir den Kredit nicht zurückzahlen können. Inzwischen war meine Mutter in die kleine Wohnung im Dachgeschoss unseres neuen Hauses eingezogen. Sie brachte Tanja in den Kindergarten und holte sie wieder ab und auch so kümmerte sie sich rührend um meine Mädels., während ich in der Arbeit war. Carina ging inzwischen zur Schule. Da es auf dem Land wenige Möglichkeiten gab,  eine Ganztagsstelle im Büro zu finden, war ich dankbar über die Anstellung im Rosenheimer Schlachthof, der von der Firma Marox geführt wurde.  Ich arbeitete in der Debitorenbuchhaltung, wo ich gut verdient hatte. Als im Jahr 1980 mein Sohn Joseph das Licht der Welt erblickte, eröffnete mein Mann als frischgebackener Maurermeister ein Baugeschäft. Mein Platz war nun Zuhause, denn mein Engagement im häuslichen Büro war gefragt. Ich erachtete es als sehr positiv, da ich darüber hinaus Haushalt und Familie besser unter einen Hut bringen konnte. Knappe siebzehn Jahre ging das so, viele davon unentgeltlich. Der Deal war, dass dafür meine Altersvorsorge aus dem Erwerb einer gewerblichen Immobilie in Vogtareuth  gesichert werden sollte. Diese sollte bis zum Rentenalter mit der Pacht abbezahlt werden.  Zu dieser Zeit hätte ich niemals daran gedacht,  dass diese Ehe in die Brüche gehen könnte. Und doch war es so. Wahrscheinlich hatten wir zu früh geheiratet. Mein Mann hatte plötzlich andere Vorstellungen vom Leben und ging seine eigenen Wege.  Ich ging auch wieder eine neue Verbindung ein und zog 1996 zu meinen Freund und jetzigen Mann nach Niederbayern. Weil die Entfernung zu groß war, verkaufte ich den immer noch hoch verschuldeten Friseursalon. Der Ertrag, der mir damals nach der Kredit-Rückzahlung noch blieb, war zu wenig, um eine vernünftige Rente zu erzielen. Also erging es mir nicht viel besser, wie meiner Mutter. Nachträglich hege ich aber darüber keinen Groll. Ich bedaure nur, dass ich so dumm war und mich immer darauf verlassen habe, was andere sagen und nicht eigenverantwortlich gehandelt habe. Ich ärgere mich, dass ich in guten Zeiten, wo wir mit unserem Baugeschäft Gewinne gemacht haben, mir nicht etwas für das Alter abgezwackt habe. Da wurde Geld für Dinge ausgegeben, die nicht unbedingt nötig waren oder an die ich mich heute gar nicht mehr erinnern kann. Man kann es so beschreiben: "Wie gewonnen so zerronnen". Aber da mir materielle Dinge noch nie viel bedeuteten, kann ich mich gut mit meiner jetzigen Situation arrangieren. Trotzdem würde ich jeder jungen Frau raten, Vorsorge zu treffen, damit sie im Alter keine böse Überraschung erlebt und Flaschen sammeln muss, um es mal ganz drastisch zu formulieren, vom Pfand über Wasser zu halten muss. Es sind leider überwiegend Frauen, die wegen der Vereinbarung von Familie und Beruf nur Teilzeit arbeiten gehen können. Dementsprechend fällt die gesetzliche Rente aus, wenn man nicht anderweitig dafür sorgt, dass man den gewohnten Lebensstil auch im Alter einigermaßen weiterführen kann  Der Satz meiner Mutter "Ja mei, damals wars hoid a so" hilft nicht, um ein einträgliches Leben zu haben.