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Auch damals wurden Mädchen mit Haarschleifen aufgehübscht

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Kopfschmuck und Kopfbedeckungen
Die riesige Haarschleife sah aus wie ein Propeller eines Flugzeuges, kurz vor dem Abflug

Es gibt inzwischen die verrücktesten Gedenk-und Aktionstage auf der gesamten Welt. Ob es nun historische, religiöse, gesellschaftspolitische, medizinische oder andere Themen sind, einige Menschen fühlen sich angesprochen. Sie wecken zumindest Interesse, den jeweiligen Anlass  zu  hinterfragen. Immer wieder sind Ereignisse dabei , die mich nachdenklich machen. Gestern zum Beispiel war "Internationaler Tag der Haarschleife". Spontan fiel mir dazu ein, dass zu meiner Kinderzeit Haarschleifen ein wichtiges Accessoire war. Zum einen, um die üppige Haarpracht zu bändigen und zum anderen, sich aufzubrezeln. Es liegt einfach in der Natur eines Mädchens und einer Frau, schön und attraktiv auszusehen . Während heutzutage Schönheit kaum noch als Geschenk der Natur, sondern als eine Leistung angesehen wird, hatte man damals relativ begrenzte Mittel zur Verfügung, sein Aussehen kosmetisch zu optimieren und von etwaigen optischen Mankos abzulenken.  

Betrachtet man alte Bilder und Fotos ,  kann man feststellen, dass die Mädchen und Frauen meist lange Haare hatten. Erwachsene und ältere steckten sich diese überwiegend zu einem geflochtenen Schopf am Hinterkopf zusammen. "Do sans guad aufg'ramt" sagte meine Mutter immer. (Da sind sie gut aufgeräumt) Mädchen hatten meist Zöpfe, die  links und rechts vom Kopf baumelten. Gehalten wurden sie von Spangerl (Haarspangen) oder eben den besagten Haarschleifen. Ich kann mich noch erinnern, als mir meine Tante Resi, die Näherin war, zum  Prangertag (Fronleichnam) ein wunderschönes hellblaues luftiges Sommer-Kleid aus Organza genäht hatte. Dazu kaufte mir Mama passende blaue Haarschleifen aus feiner Seide. Ich war riesig stolz und bildete mir ein, dass ich das schönste Mädchen beim Umzug durch die Straßen Zaiserings war. In Wahrheit konnte ich mit den anderen Mädchen niemals konkurrieren, denn ich hatte ja rote Haare. Da machten selbst Kleider keine Leute, wie man fälschlicherweise immer annahm.  Tatsache ist, dass ich auch gerne mal Prinzessin sein wollte. Diese Minderwertigkeitskomplexe, verursacht durch meine nicht gerne gesehenen Haarfarbe und die vielen Sommersprossen verfolgten mich lange Zeit. Sie wurden ja immer wieder durch dumme Sprüche befeuert.

Jetzt hat sie auch noch rote Haare, als wenn arm sein nicht genug wäre

Als ich am 3. Januar 1948 so gegen 9 Uhr abends in Schlossberg bei Rosenheim das Licht der Welt erblickte, musste ich bei meiner Mutter einen Riesenschock ausgelöst haben. Wie sonst hätte sie mit spontaner Empörung gesagt: "Muaß des sei, dass de Kloane a no feierrote Haar hod, wenn's scho ois arma Schlucka auf'd Welt kimmt?" In der Tat hatte ich, obwohl meine Eltern und auch sonst niemand in der Verwandtschaft damit geplagt war, als einzige knallrote Haare, die gerade auf dem Land noch stark verpönt waren. Schon war ich sozusagen gebrandmarkt, das mir im weiteren Leben noch einigen Ärger bereitete. Diese Abneigung zu Menschen mit roten Haaren ging wahrscheinlich noch auf das Mittelalter zurück, die damit etwas Böses verbanden. Da reichte es schon aus, wenn jemand Sommersprossen und rote Haare hatte, um "jemand solchen" zu meiden und zu diskreditieren. Man war einfach abgestempelt und man gehörte nicht immer und überall dazu. Ich verspürte es spätestens in der Schule. Des Öfteren kam ich nach Hause und warf mich heulend auf das Sofa, weil man mich wieder wegen meiner dicken, roten Zöpfe verspottet hatte. Es waren zugegebenermaßen nur ein paar Kinder, die meinten, sie wären dazu berechtigt, obwohl sie selbst strohdumm waren. Heute würde es man Mobbing nennen. Obwohl sich im 21. Jahrhundert niemand mehr über die Farbe der Haare anderer aufregt, zumal man gar nicht weiß, ob sie natur oder gefärbt sind, spielen jetzt andere Kriterien eine Rolle und die Möglichkeiten in der inzwischen zunehmend digitalen Welt, andere zu beleidigen und nieder zu machen, sind schier grenzenlos. Die Sprache verändert sich zum Nachteil der Gesellschaft, Regeln des Respekts und der Höflichkeit, wie wir sie gelernt haben, verschwinden allmählich. Zumindest kommt es mir so vor, obwohl ich keinesfalls behaupten will, dass früher alles besser war.  

Zurück zur Haarschleife: Obwohl mir meine Mama schon als eineinhalbjährige Wuchtbrumme eine Riesenschleife auf meine Haarrolle gezaubert hat, konnte sie nicht verhindern, dass ich größtenteils halt "nur" ein rothaariges Mädel war, das nie so hübsch sein konnte, wie die dunkelhaarige Elisabeth Stiersdorfer oder die adrette Anneliese Honisch. Ich war mir bald bewusst, dass ich das mit anderen Qualitäten kompensieren musste, was natürlich als "armer Schlucker" nicht betuchter Eltern schwierig war. Dennoch habe ich meinen Weg gemacht.  Spottsprüche wie: "Rote Haare, Sommersprossen, sind des Teufels Artgenossen" gehören längst der Vergangenheit an. In meiner Jugendzeit gab es schon sehr gute Haarfärbemittel. Ich probierte alles aus und meine Haare durchliefen von rotblond über tizianrot bis nachtschwarz alle Experimente. Am Ende kam ich wieder zu meiner natürlichen Haarfarbe zurück, die inzwischen auf wundersame Weise immer heller wurde. Genauso wie meine unzähligen Sommersprossen dank "Schwanenweiß" immer mehr verschwanden.  Und ich habe zur großen Überraschung einiger, die nicht für möglich gehalten haben, dass sich je jemand für mich interessieren könnte, schon ziemlich bald die Aufmerksamkeit einiger junger Männer auf mich gezogen. Da war Hans-Jürgen, der Student aus Höhensteig bei Rosenheim, der mich schon mit knapp 15 Jahren mit seiner Vespa zu einer Silvester-Party Nähe Rosenheim abholte.  Dann gab es noch den feschen Gregor, mit dem ich mich nach der Berufsschule im Rosenheimer Salingarten traf. Leider musste er mit seinen Eltern aus Rosenheim wegziehen. Dem folgten Kinobekanntschaften wie Renato, der kleine Italiener. Alles nur belanglose platonische Liebeleien, bis Sepp, der vier Jahre ältere, bodenständige Bauerssohn und Maurergeselle in mein Leben trat.. Ich war gerade 16 geworden. als ich ihn kennenlernte und mit knapp 20 Jahren heiratete.  Für meine Eltern war es viel zu früh. Mein Vater verstarb fünf Monate nach meiner Heirat. Leider konnte er meine wunderbaren Kinder und seine Enkel Carina, Tanja und Seppi nicht mehr kennenlernen und in seine Arme schließen. Für meine Mutter waren sie ihr ganzes, noch verbliebenes Glück. 

Ich habe es ihr nachgesehen, dass sie die Haarfarbe bei meiner Geburt als "Unglück" angesehen hat. Es war halt damals so, dass Rothaarige allgemein schlechte Karten hatten, um als vollwertige Menschen akzeptiert zu werden. 

Inzwischen bin ich "alaskablond" und mir ist das bayrisch ausgedrückt, vollkommen wurscht, ob es jemand gefällt oder nicht. In meinem Alter steht die Gesundheit im Vordergrund und jeder Tag ist ein "Glückstag" wenn ich und mein jetziger Mann Xaver genauso sämtliche Familienmitglieder gesund und munter sind. Man glaubt nicht, wie wenig man zur Zufriedenheit braucht. Die Haarfarbe und die richtigen Haarschleifen sind jedenfalls kein Kriterium mehr für mich. Gott sei Dank!

Bildunterschriften:  von links: meine Cousine Irmgard, meine Cousine Erna mit meiner Mutter als Patin, meine Tante Anni mit Patin und meine Mama Katharina mit Patin Gretl.

Aufgemascherlt, gerüscherlt, bekranzerlt und behütet

Kopfschmuck und Kopfbedeckungen
Meine Mama hat meine roten Haare immer zu Zöpfen zusammen gebunden

Immer wieder schaue ich mir gerne das Fotoalbum meiner bereits im Jahr 2000 verstorbenen Mutter Katharina Giglinger an. Es fällt auf, dass die Vorfahren, obwohl damals der erste und der zweite Weltkrieg wütete und die Folgen der Nachkriegszeiten den Menschen viel Kummer und Leid bereitete, sowie Kraft und Elan abverlangte , auf den Fotografien immer geschniegelt und gebügelt aussehen. Mit dem besten Sonntagsgewand bekleidet, die Haare dank Birkin-Haarwasser streng nach hinten frisiert, ließen sie sich von einem gelernten Fotografen zu festlichen Anlässen wie Kommunion, Firmung und Hochzeit ablichten. (Siehe obige Fotogalerie) Den streng drein schauenden Gesichtern ist zu entnehmen, dass es sich um gebührend ernst zu nehmende Angelegenheiten handelte. Es schickte sich offensichtlich nicht, zu lächeln oder gar zu lachen. Bei den Kommunion-und Firmungsbildern fällt auf, dass die Mädchen immer einen Kranz und eine überdimensionale Schleife im Haar hatten. Die Frauen trugen oft Hüte, häufig mit Schleier. Es war ein Ausdruck dafür, dass es sich um außergewöhnliche Festlichkeiten handelte. Auch wenn oft ganz grauenhafte "Ditschis" (Hüte) dabei waren, so war es eine Prestigesache, die wahrscheinlich aus einer langen Tradition überliefert wurde.  Früher waren sie hauptsächlich Priestern, Herrschern und Königen vorbehalten, die damit ihre übergeordnete Stellung signalisieren wollten. Bei den Römern hatten nur freie Bürger das Recht, Hüte zu tragen.

Auch als sich Kopfbedeckungen im Mittelalter als allgemeiner Bestandteil der Kleidung durchsetzten, behielten sie eine wichtige Symbolkraft. So hatte beispielsweise jede soziale Schicht eine spezifische Kopfbedeckung. 

Meine Eltern waren zwar, wie sie selbst sagten, nur Hungerleider, aber am Sonntag setzte meine Mutter immer einen schwarzen Hut auf, wenn sie in die Kirche ging. Auch mein Vater trug zu allen "heiligen Zeiten" einen schicken Hut, der ihn vom betuchtesten Bauern nicht mehr unterschied. An ganz gewöhnlichen Arbeitstagen trug meine Mama ein Kopftuch und mein Vater eine dunkelblaue Schiebermütze.

"Werktagsgwand" und "Sonntagsgwand", diese Unterscheidung war ein ungeschriebenes Gesetz. Die Kleidung wurde nicht, wie heute, jeden Tag gewechselt. Das war gar nicht machbar. Meine Mutter wusch im 14-tägigen Turnus im Freien auf dem Waschtisch bei jedem Wind und Wetter, mit Kernseife und Wurzelbürste wohlgemerkt, die oftmals stark verschmutzte Alltagskleidung und die übrige Wäsche, um sie wieder sauber zu bekommen. Die Wäsche wurde anschließend zum Trocknen auf die Leine gehängt und anschließend mit dem am Ofen erhitzten Bügeleisen geglättet. Waschmaschine, Trockner und elektrisches Bügeleisen  kamen erst viel später auf den Markt. Als Kind war es für mich selbstverständlich, mit einer Schürze in die Schule zu gehen. Meine Mutter kaufte einmal im Jahr beim Stoffgeschäft Reich am Mittertor in Rosenheim einen Baumwollstoff. Mit diesem nähte sie oder meine Tante Resi mir in den Ferien zum Beginn des neuen Schuljahres neue Schürzen, die immer, genauso wie Röcke und Kleider mit kitschigen Rüschen versehen waren. Nicht immer gefiel mir mein "Outfit", wie man heutzutage zur Bekleidung sagt. Aber das tat nichts zur Sache. Ich musste es anziehen. Basta. Fertig!!