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Pakete aus dem fernen unbekannten Amerika kamen gut an

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Einmal als Arme-Schlucker-Kind privilegiert zu sein, machte mich erhaben

Ich ertappe mich dabei, dass ich jetzt im gesetzteren Alter immer öfter die Gedanken in meine Kinderzeit schweifen lasse. Unlängst kam mir wieder die Geschichte vom Franzi in den Sinn, der irgendwie bleibende Eindrücke bei mir hinterließ. Das kam so:

Vor Weihnachten kam immer ein Päckchen aus Amerika bei uns an. Neben Kleidung, Stoff, Kaffee, Kakao, Schokolade und anderen Luxusgütern, an denen es in der Nachkriegszeit bei uns mangelte beziehungsweise, die wir nur vom Hörensagen kannten, war jedes mal auch ein Spielzeug für mich dabei. Geschickt wurde es von einer nahen Verwandten meiner Mutter, die in Kriegszeiten von Planegg bei München nach Amerika ausgewandert war. Offensichtlich hat sie das Glück dort gefunden, das sie gesucht hatte, denn sonst wäre sie nicht in der Lage gewesen, uns solche Kostbarkeiten zukommen zu lassen. Wie ich später, also schon als Erwachsene bei einer Geburtstagsfeier von Tante Anni (Strasser) im Tutzinger-Hof bei Starnberg erfahren hatte, hat es die besagte Verwandte und ihr Mann in Amerika zu etwas gebracht. Sie verdienten im Goldschmiedehandwerk eine Menge Geld und erwarben sich damit Ansehen und Respekt. Doch das Heimweh nach ihrer bayrischen Heimat plagte sie auch nach langem Aufenthalt in ihrem neuen Domizil immer wieder. Deshalb hielten sie auch die Verbindung mit uns in Form eines Paketes und Briefen, die hin und her geschickt wurden,  lange aufrecht, denn so erfuhr sie, was hierzulande los war.  Auch meine Mutter war froh, immer wieder ein Lebenszeichen aus dem "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", das selbstverständlich auch viele Gefahren für Auswanderer in sich barg, zu hören. Heutzutage würde man sagen, es war eine "Win-Win-Situation" , die gerade auch für mich sehr positiv war, denn ich hatte zu Weihnachten immer Spielsachen bekommen, die andere nicht hatten. Endlich war es einmal umgekehrt. Während sonst die Bauernkinder immer hatten, was sich meine Eltern nicht leisten konnten, so hatte ich auf einmal eine Mini-Badewanne unter dem Christbaum, aus der echtes Wasser aus dem Hahn lief. Ich rieb ihnen mit einem triumphierenden "Älabätsch" unter die Nase, dass ich das ganze Jahr über braver war als sie und mich deshalb das Christkind dafür entsprechend belohnt hatte. Davon war ich lange Zeit überzeugt. Meine Mutter hatte nämlich die Pakete aus Amerika immer gut versteckt. Ansonsten hätte ich nur mit handgestrickten Jacken, selbstgenähten Schürzen, einem Buch und ein paar Kleinigkeiten, die es damals bei den Hausierern oder den Spielwaren-Geschäften in Rosenheim zu kaufen gab, vorlieb nehmen müssen. 

Der Franzi mit seinem Porzellankopf  und seinen Pappendeckelzähnen

Eine Überraschung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich war in etwa vier bis fünf Jahre, als zu Weihnachten das Christkind eine Puppe brachte, deren Kopf und Füße aus Porzellan und der Rumpf aus Stoff war. Genauer -ihr Bauch war mit Watte oder irgendeinem anderen Material ausgestopft. Dem etwas derben Gesichtsausdruck zu urteilen, ging ich davon aus, dass es ein Bub war. Andere Merkmale, die darauf hindeuten hätten können, kannte ich damals noch nicht. So entschied ich, ihm den Namen "Franzi" zu geben. Er hatte einen halbgeöffneten Mund, aus dem Zähne aus Pappendeckel hervorlugten. Neben ihm waren anscheinend im Amerika-Paket auch noch Orangen verpackt, die ich bislang noch nicht kannte. Sie waren süß und saftig und schmeckten herrlich. Diesen Genuss wollte ich mit meinem "Kind" teilen und so steckte ich "Franzi" eine Spalte in den Mund. Leider verschmähte dieser die exotische Köstlichkeit. Das wiederum ließ ich ihm nicht durchgehen. Mir wurde nämlich beigebracht, dass alles was auf den Tisch kommt, gegessen wird. So fütterte ich ihn mit etwas mehr Druck und da sein Hals auch noch aus Porzellan und innen hohl war, rutschte das Orangenstück so weit, bis es vom prall gefüllten Bauch aufgehalten wurde. Die Aufklärung meiner Mama, dass eine Puppe nicht wirklich Essen zu sich nehmen kann, kam etwas zu spät. Ich weiß nicht, wie sie die Orange wieder aus Franzi raus bekam.  Interessierte mich auch nicht sonderlich, denn wer so ungezogen ist, hat meine Ignoranz redlich verdient.

Hildegard ersetzte den Amerika-Franzi, der keine Orangen essen mochte

Was mit Franzi letztendlich passiert ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur dass ich später eine Babypuppe bekam. Ich taufte sie "Hildegard". Sie war mein Ein und Alles. Mama hatte mir aus Wollresten eine vollständige Ausstattung gestrickt und gehäkelt, angefangen von der Mütze, Jäckchen, Pullover bis hin zur Strampelhose und zu den Söckchen und Handschuhen. Genauso eine Decke, damit es Hildegard nicht friert. Was ich aber leider nie bekommen hatte, war ein Puppenwagen. So wie die ein Jahr ältere Anneliese, die Tochter unseres Vermieter-Ehepaars einen hatte, aus Korb und einer wunderschönen Ausfahrgarnitur. Das wäre mein Wunschtraum gewesen, der aber für mich, als Kind armer Schlucker, unerreichbar war.  Aber - Gott sei Dank - war Anneliese manchmal bei ihren Freundinnen unterwegs oder woanders beim Spielen. Dann nutzte ich die Gunst der Stunde und bettete meine Hildegard in deren kuscheligen noblen Kissen und wagelte sie hin und her in den Schlaf. Ich war eine glückliche Puppenmama. Hildegard musste sich daran gewöhnen, meine Gefühlsschwankungen auszuhalten. Die reichten von überschwänglicher Liebe bis hin  zu körperlichen Strafen, wie einen kräftigen Klapps auf den Po oder eine Watsche. Die Konsequenzen daraus waren , dass ihr Kopf, ihre Arme und Füße in Mitleidenschaft gezogen wurden. Bevor sich alles ganz vom Körper löste, brachte sie meine Mutter zum Puppendoktor nach Rosenheim. Ich vermisste sie unendlich und zählte die Tage, ja sogar die Stunden bis ich mein Püppchen wieder gesund und mit allen Drum und Dran in die Arme schließen konnte. Zu meiner Kinderzeit war eben eine Puppe noch etwas Rares und Besonderes, das nicht einfach nachgekauft wurde. Einen Menschen ersetzt man ja auch nicht durch einen anderen. Dementsprechend hat man das Spielzeug geschätzt. Man hatte auch nicht viel. Ich hatte zum Beispiel nur noch einen Holzbaukasten, mit dem ich sehr gern spielte und den ich lange hatte. Da unsere Wohnküche nicht einmal zehn Quadratmeter hatte, waren die Spielmöglichkeiten ohnehin begrenzt. Da ich sehr gerne malte, hat mir mein Vater selbst ein kleines Tischchen gezimmert. Ein Blatt Papier oder ein Malbuch und ein paar Stifte, damit war ich für ein paar Stunden beschäftigt. Ich hatte trotz allem, dass wir nicht im Überfluss lebten, eine schöne Kindheit.