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Es war nicht selbstverständlich, genügend Holz in der Hütte zu haben

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Die gute alte Zeit war nicht so gut und schon gar nicht eine heile Welt

Wenn man heutzutage von Kindern in Entwicklungsländern hört, die schwerste Arbeiten verrichten müssen, um einen wesentlichen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie zu leisten, dann ist das Unverständnis und die Empörung hierzulande groß, zumal es auf Kosten der Bildung der besagten jungen Menschen geht. Die Schulen sind meist weit entfernt, die Möglichkeiten dorthin zu kommen sehr begrenzt, vom finanziellen Aufwand ganz zu schweigen.  Es herrschen erbarmungswürdige Zustände, die uns unmöglich und unakzeptabel erscheinen. Jedenfalls den jüngeren Generationen, wie zum Beispiel meinen Kindern und Enkeln. 

Wenn ich allerdings von meinem Exmann Sepp und meinem jetzigen Ehemann Xaver höre, genauso auch von ehemaligen Schulfreunden mitbekommen habe, die allesamt in einer Landwirtschaft aufgewachsen sind, dann wird mir bewusst, dass es früher bei uns auf dem Land auch nicht viel anders war. Es wurde eben jede helfende Hand gebraucht, um das Arbeitspensum zu schaffen. Ob es nun Groß-oder Kleinbauern waren, es war immer etwas zu tun. Ich bin 1948 geboren. So kurz nach dem Krieg war die Versorgungslage äußerst problematisch. Zahlreiche Bauern und Knechte waren gefallen, befanden sich in Gefangenschaft oder kamen mit Verletzungen in ihre Heimat zurück. Zuwanderer aus dem Sudetenland, Schlesien, Ostpreußen etcetera füllten die Lücken, damit es irgendwie weiter ging. Die Arbeit im Stall, auf den Feldern und in den Wäldern, genauso wie auch im Haushalt musste getan werden. Es herrschte Ausnahmezustand, aber das Leben musste weitergehen. Die Jahreszeiten und das Wetter bestimmten die Gangart. Es war, wie schon erwähnt, eine Selbstverständlichkeit, dass Kinder zu Arbeiten jeglicher Art herangezogen wurden. Schule war Nebensache.

 

So hat mir zum Beispiel Sepp erzählt, dass seine Eltern ihm "schulfrei" verordneten, weil er für die Ernte dringend gebraucht wurde.  Jedoch gab es dabei eine Schwierigkeit zu überwinden. Sepp wohnte in unmittelbarer Nähe der Schule in Halfing Landkreis Rosenheim. Er musste sich also ungesehen daran vorbeischwindeln. Die Eltern befahlen ihm, sich flach auf den vom Traktor gezogenen Anhänger zu legen. Sie warfen eine Decke über ihn und er musste so lange still halten, bis man außerorts war. Die landwirtschaftlichen Grundstücke meiner Schwiegereltern befanden sich im Halfinger Moos. Natürlich fragte seine Lehrerin, Fräulein Fritz nach, was denn dem Sepperl gefehlt hat beziehungsweise warum er nicht zum Unterricht erschienen war. Sepps Mutter war sehr einfallsreich, wenn es um die Krankheiten ging, an der ihr Bub angeblich litt. Was tat man nicht alles für eine billige Arbeitskraft. 

Ähnlich war es auch bei Xaver, deren Eltern, wie die von Sepp auch, Landwirte waren.

Bei ihm war es ähnlich:  seinem Schulbesuch, genauso dem seiner drei Brüder Hans, Sepp und Georg, wurde wenig Bedeutung beigemessen. Das Hauptaugenmerk wurde auf deren Einsatz auf den Feldern gerichtet. So mussten beispielsweise die mit der Sämaschine eingesetzten Futterrüben, die man in Niederbayern "Gunter" nennt, mit der Harke pikiert und anschließend immer wieder geharkt werden, um den gewünschten Ertrag zu erzielen. Danach wurde es noch anstrengender für die kindlichen Erntehelfer. Mit einem scharfen Messer musste das Blattwerk entfernt werden, bevor "de Ruam" auf den Wagen geworfen und abtransportiert wurden. Zu Hause gingen die schweißtreibenden Arbeiten weiter. Blutige Hände waren an der Tagesordnung. Von wegen jammern und weinen. Es wurde ein Stofftaschentuch (Papiertaschentücher hat es damals noch nicht gegeben) um die verletzte Hand gewickelt und weiter gings zack-zack, damit der vorgegebene Arbeitsablauf nicht unterbrochen wurde. Dass ihnen nach einem so anstrengenden Tag der Sinn nicht nach  Hausaufgabe stand, versteht sich von selbst. Xaver und seine drei Brüder hätten wahrscheinlich auch lieber etwas anderes gemacht, schließlich waren sie noch Kinder. Freizeit und Spielen blieb völlig auf der Strecke. Aber darauf wurde in dieser harten Zeit, in der es vornehmlich ums Überleben der Familie ging, keine Rücksicht genommen. Für persönliche Befindlichkeiten, Wünsche und Träume blieb damals kein Raum. 

Wer arm war und nicht ins Holz fuhr, hatte im Winter keine warme Stube

Damals
Meine Mutter arbeitete offiziell nicht, war aber selbstlos und selbstverständlich immer für alle Familienmitglieder da. In meiner Kinderzeit zog sie mit dem Leiterwagen das Holz heim, damit wir im Winter eine warme Stube hatten

Meine Mama ist bei gutem Wetter mit ihrem Leiterwagen oft "ins Holz" gefahren, um das Brennmaterial für den Winter heimzuziehen. Manchmal hat sie sogar die übriggebliebenen Holzstöcke abgesägter Bäume ausgegraben. Das war eine Riesenschinderei, weil diese so stark verwurzelt waren.  In solchen Situationen hat sie oft zu mir gesagt:  "Dirndl, i hoff, dass du amoi so vui Geld hast, dass du koa Loatawagl oglanga muaßt!" (Übersetzt: Ich hoffe, dass du einmal so viel Geld verdienst, dass du keinen Leiterwagen in die Hände nehmen musst!)  Als Kind macht man sich leider nicht so viel Gedanken, um einzuschätzen, wie sehr sich meine Mutter plagen hat müssen. Mein Vater sah es  als ihre Verpflichtung an, dass sie sich das antat. Schließlich "arbeitete sie nicht" und konnte zuhause bleiben. Er war der Alleinverdiener und Ernährer unserer kleinen Familie. So war das damals, als die Frauen (bis 1977)  noch um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Einen Beruf zu erlernen, mussten sie sich förmlich erkämpfen. "Mädchen brauchen das nicht, denn sie heiraten bald und bekommen Kinder", so die weitläufige Meinung. Während wir nur eine klitzekleine Wohnung mit zwei Zimmern in einem Bauernhaus hatten,  war  ich gegenüber den Bauernkindern besser gestellt. Ich brauchte, bis auf ein paar lächerliche kleine Aufgaben, wie Kartoffelkäfer einsammeln und Steine von der Wiese klauben,  nicht mit anpacken, weil es nichts anzupacken gab.

Meine Eltern waren bettelarm und hatten andere Probleme. Nämlich wie man mit dem kargen Verdienst meines Vaters über die Runden kommt.

Weil mich meine Mutter nicht alleine zu Hause lassen konnte, nahm sie mich schon als Kleinkind mit in den Wald. Während sie Holz sammelte,  setzte sie mich auf eine Decke. Wie ich mich beschäftigte, weiß ich heute nicht mehr. Auch als ich schon etwas älter war, also im Alter der heutigen Vorschulkinder,  fragte sie mich noch immer, ob ich mich oben auf den vollgeladenen Wagen setzen wolle. Dem war ich nie abgeneigt. Meine Mama nahm meinen kindlichen Egoismus schnaubend und keuchend hin und karrte ihre schwere Fuhre geduldig heim. Mit zunehmenden Alter wurde es mir lästig, immer mit zu müssen. Mir dauerten diese Aktionen meist zu lang. Ich hatte Hunger und Durst und wollte heim zum Spielen. Wenn ich heute daran zurückdenke, war es eine schöne Zeit, sich im Wald und der frischen Luft aufzuhalten. 

Apropos "Kinderarbeit". Ich musste schon auch einen kleinen Beitrag leisten, damit wir im Winter eine warme Stube hatten. Mama hat mich dazu verdonnert, die am Waldboden liegenden Tannenzapfen aufzusammeln und in einen Sack zu füllen. Diese wurden zuhause in der Sonne getrocknet und zum " unterkenten" beziehungsweise als Anzündhilfe verwendet. 

 

Es stand ein grünes Männlein, ganz still und stumm im Wald herum

Damals
So zog auch meine Mutter früher das Brennholz heim, das sie im Wald gesammelt hatte. Quelle: Südkurier

Eines Tages, als wir uns wieder einmal im Wald zwischen Lohen und Vogtareuth (Landkreis Rosenheim) zum Holzsammeln aufgehalten haben, sah ich plötzlich einen grün gekleideten Mann hinter einem größeren Baum stehen, der uns beobachtete. Erschrocken zog ich meine Mutter am Rock und machte sie darauf aufmerksam. Mama hätte beinahe der Schlag getroffen. Nicht unbegründet, denn sie hatte die schriftliche Erlaubnis, nur dürres Leseholz zu sammeln., ein wenig missachtet und etwas dickere, grüne Stämmchen auf den Leiterwagen geladen, die vom vorangegangenen Sturm von den Bäumen gerissen wurden. Prompt hat dies der darauf angesetzte Polizist gesehen und selbstverständlich, pflichtbewusst wie er war,  umgehend geahndet. Wir hätten eine empfindliche Strafe zahlen müssen, wäre nicht mein Vater zu den ihm bekannten und wohl gesonnenen Waldbesitzerinnen gegangen, um die Sachlage zu erklären und zu bitten, ausnahmsweise die Anzeige zurück zu ziehen. Wir kamen mit einer strengen Belehrung und dem Versprechen davon, nie wieder unerlaubtes Holz aus dem besagten Wald zu entnehmen.

 

Als wenn es nicht schon entwürdigend genug gewesen wäre, als reuige Sünder um Entschuldigung und Vergebung bitten zu müssen, hatte es meine Mutter künftig noch schwerer beim Holzsammeln. Sie musste sehr sorgsam und vorsichtig sein, um nicht nochmal angezeigt zu werden. Es waren viele Jahre, in denen sie sich abschuften musste, damit wir es im  Winter warm und kuschelig hatten. Ich kann mich erinnern, dass ich es als Kind ziemlich ungerecht empfand , dass anderen der Wald gehören sollte. Ich dachte immer die Welt und somit auch der Wald gehört allen. Pustekuchen!!!. Ich habe die Erfahrung gemacht und mir eingestehen müssen:  Wir waren arm.  Nur wer Geld hat, hat das Sagen. Das war immer schon so und wird so bleiben. Auch staatliche finanzielle Zuschüsse und Beihilfen gab es damals für unsereins noch nicht. Aber dennoch waren wir froh, dass es noch so glimpflich abging und dass es noch Menschen mit Herz gab. Hätte schlimmer kommen können!! Die Geschichte ist aber auch noch nicht zu Ende.

Das viele Holz, das meine Mama all die Jahre herbeigeschafft hatte, musste auch noch ofengerecht zugeschnitten (gekloben)  werden. Auch das hat meine Mutter in vielen Stunden gemacht. Sie hat die Äste und Stangen auf den Holzstock gelegt und in etwa gleichgroße Scheite gehackt. Diese stapelte sie anschließend noch in der Holzlege (Schuppen) sorgfältig auf. Von dort wurden sie im Winter wieder runter genommen und in einem Schwingel (geflochtener Halbkorb) die Küche getragen. Als der Ofen bei klirrender Kälte dahin bullerte, stellte sich Zufriedenheit bei meiner Mutter ein. Sie fühlte sich irgendwie für ihre Leistungen bestätigt, die wir in einer heute nicht mehr nachvollziehbaren und unverschämter Weise als ganz selbstverständlich hinnahmen. Meine Mutter war es von ihrer Kindheit an gewohnt, überall anzupacken, wo Hilfe benötigt wurde. Deshalb machte sie nie viel Aufhebens davon. 

Ich möchte ihr heute noch postum dafür von ganzem Herzen danken!!!