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Meine Bildungslaufbahn begann mit einer Riesen-Blamage

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Mangelhafte Bibelkenntnisse machten mich zur Lachnummer

Schule
Die Bibel hat nichts mit Küken zu tun

Ich gehöre zur Generation, in der die Religion, der Glaube und natürlich der Pfarrer einen großen Stellenwert in der Erziehung der Kinder hatten. Bayern ohne die katholische Kirche wäre nicht denkbar gewesen. So war der Religionsunterricht ein fest integrierter Bestandteil in der Volksschule in Zaisering, die zur Gemeinde Vogtareuth im Landkreis Rosenheim gehörte. 

Wie bereits in früheren Blogberichten erwähnt, begann für mich 1954 der Ernst des Lebens, wie der Eintritt in die Schule immer noch genannt wird. Warum verstehe ich bis heute nicht, denn Lernen kann auch Spaß machen. Mir zumindest hat sie Freude gemacht. Meistens jedenfalls, denn es wurde auch viel gelacht und gescherzt. Dennoch hätte ich gleich zu Beginn meiner schulischen Laufbahn wegen einer unsäglichen Blamage am liebsten alles hingeschmissen. Schuld war der Expositus Kneißl, meine Mutter und ein Missverständnis. 

Der bayerische Dialekt und der Expositus wurden mir zum Verhängnis

"Kinder wisst ihr eigentlich was die Bibel ist? Könnt ihr mir ein bisschen was darüber erzählen?" fragte der ,,Gschposi" wie wir den Herrn Expositus in unserer abgekürzten, mundartlichen Sprache nannten. Momentan war es mäuschenstill und es wurde fieberhaft überlegt, um zu nennenswerten Ergebnissen zu kommen. Niemand traute sich so richtig, über dieses Thema etwas vorzubringen. Doch mir fiel blitzartig etwas ein. Und zwar ein Lied, das mir meine Mama beigebracht hatte und das ich erst kürzlich mit ihr sang. Der Text handelte von der "Bibe", wie wir die Bibel im bayerischen Dialekt bezeichneten. Dachte ich zumindest auch im Zusammenhang mit einem Küken.  Zuerst sang ich zaghaft und dann festigte sich meine Stimme, als ich schmetterte: "Wia i bin an Woid ausse ganga, hams ma woin mei Bibe-Henderl fanga". Ich war mächtig stolz darauf, dass ich als rothaarige, sommersprossige Außenseiterin Eva als erste ihre Bibelkenntnisse vorgetragen habe. Dass es aber sozusagen "Ein Griff ins Klo" wurde, stellte sich schnell heraus, nachdem am Ende des Liedes, das ich mehrmals wiederholt hatte, momentan alles still war und dann in tosendes Gelächter überging. Alle machten sich lustig über mich und sogar Expositus Kneißl schmunzelte ein wenig, als er sagte: "Nein Eva, da hast du etwas falsch verstanden. Ich meinte eigentlich die Heilige Schrift. Aber du hast gut gesungen!" Ich wäre am liebsten in einem Mausloch verschwunden und habe mich danach auch nicht mehr so schnell gemeldet. Ich traute mich selbst dann nicht mehr, als ich Fragen unseres Lehrers Manfred Bacher und des Herrn Expositus zu hundert Prozent wusste.

Mir war zu Beginn der Schule noch einiges mehr suspekt, wie zum Beispiel, warum wir Schulanfänger in der 1. Klasse waren, wo wir doch nur auf Holzbänken saßen. Im Zug war das die 2. Klasse. War hier etwa mehr nur Lug und Betrug? Ich kam ins Grübeln und ich fragte mich ernsthaft, ob ich dort schon gut aufgehoben bin oder ob ich nicht doch lieber zuhause bleiben sollte.

Der "Gschposi" trug mir nichts nach, außer die Eisbonbons

Nach meiner Schmoll-und Traumichnicht-Phase in Folge dieses unliebsamen Vorfalles gleich zu Beginn meines Schulstarts fasste ich allmählich wieder Vertrauen zur Exekutive der Bildungseinrichung Volksschule. Zumal ich merkte, dass Expositus Kneißl sich sehr darum bemühte, mich wieder für den Religionsunterricht zu begeistern. Ich mochte ihn ja auch und fand ihn sympathisch. Mein Vater und er pflegten im Schachspiel ihre gemeinsame Interessen und trugen bei uns Zuhause so manche Partie aus. Auch die Tatsache, dass mich meine Mutter schon mit sechs Jahren alleine zum Einkaufen nach Zaisering schickte, war dem persönlichen Kontakt mit dem geistlichen Herrn zuträglich. Im einzigen Kramerladen Holnburger deckte nämlich auch er sich mit Lebensmitteln ein. Deswegen trafen wir manchmal dort zusammen. Und weil ich offensichtlich beim Warten, indessen mir die Krämerin die Waren des Einkaufszette.ls in den Rucksack packte, auf die Eisbonbons im Glasbehälter starrte wie die Schlange auf den Frosch, erbarmte er sich meiner und kaufte mir für zehn Pfennige welche von den begehrten Süssigkeiten. Ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd und verabschiedete mich mit einem knappen und verlegenen ,,Vergelts Gott", bevor ich wieder mit den befohlenen Einkäufen heim nach Aign marschierte. Dieses freudige Erlebnis prägte sich anscheinend so bei mir ein, dass ich zur regelrechten Stalkerin des Expositius wurde. Meine Mutter arbeitete nämlich gelegentlich beim Gasthaus Hofmüller, dem auch eine Landwirtschaft angehörte. Nach der Schule durfte ich manchmal zusammen mit Mama dort zu Mittag essen. Da ich wusste, dass der Expositus um diese Zeit zum Kramer ging, passte ich ihn ab und ging ihm nach, obwohl ich keinen Pfennig Geld in der Schürzentasche hatte. Natürlich fragte mich die Krämerin jedesmal: "Na Eva, wos kriagst denn du?" . Da ich nichts kaufen konnte, schwieg ich und lächelte nur verlegen. Dies deutete Pfarrer Kneißl mit einem Satz sehr richtig: "Die Eva mog um a Zehnerl Eisguatl, oder Eva?". Ich nickte nur heftig.  Wie oft sich das Prozedere wiederholte, weiß ich nicht mehr. Es ging jedenfalls so lange bis es meine Mutter von der Krämerin erfuhr. Sie schämte sich und verbot mir weitere derartige Aktionen. Zu meinem großen Bedauern war es aus mit meinen gesponserten, geliebten Eisbonbons. Aber wie gut sie schmeckten, habe ich mir gemerkt. Erst neulich habe ich sie in einem kleinen Laden entdeckt und gekauft. Ich habe jedes einzelne von ihnen genüsslich gelutscht und mich an den Expositus Kneißl,  den Tante-Emma-Laden Holnburger in Zaisering und die schöne Kinder-und Schulzeit erinnert. 

Natürlich war früher nicht immer alles Friede, Freude, Eisbonbon

Dass die Harmonie innerhalb der Dörfer meiner Heimat, in der ich die Kinder-und Schulzeit verbracht habe, manchmal ganz schön gestört war, gehört ehrlicherweise auch zu meinen Kindheitsmemoiren. Aber wo Leute zusammen wohnen, menschelt es halt. Als Beispiele für zwischenzeitliche Diskrepanzen fallen mir zum Thema Schulzeit Lehrer Bacher und Pfarrer Kneißl ein, die mir nachträglich vorkommen, wie die allseits bekannten Filmfiguren Don Camillo und Peppone. Sie waren zwar oft nicht gleicher Meinung,  aber wenn es um das Wohl der Bürger und des Dorfes ging, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. 

Die Zwietracht zwischen dem weltlichen und geistlichen Persönlichkeiten beschrieb Lehrer Bacher gemäß dem Taschenbuch "Grüß Gott, Herr Lehrer!" , das ich in seinen Worten in einem kurzen Auszug wie folgt schildern möchte: 

 

Als damals der hochwürdige Expositus Johann Kneißl nach Zaisering versetzt wurde, hätte er an dem lange ansässigen Leiter der Volksschule Manfred Bacher eine freundliche, kräftige Stütze finden können. Schließlich spielte der in der Kirche die Orgel, war für den Kirchenchor zuständig, sang das Requiem, begleitete Verstorbene ans Grab und rezitierte für die Hinterbliebenen die lateinischen Trost-und Mahnworte. Er brachte an festgesetzten Werktagen die Schulkinder zur Schulmesse und jubelte jungen Ehepaaren mit lautstarken Orgelpräludien zu. Kurz: Er verrichtete seine Dienste absolut zuverlässig und mit pedantischer Pünktlichkeit. Hätte der neue Expositus sich nur an das unverrückbare Vorbild seines weltlichen Kollegen gehalten, dann wäre es ein leichtes Arbeiten für ihn gewesen. Statt dessen setzte er seinen eigenen, sturen Kopf durch, in dem viele eigene Vorstellungen wucherten. Die waren jedoch nicht immer mit denen des Hauptschullehrers in Einklang zu bringen. Während der neue Expositus allem Neuen aufgeschlossen gegenüber stand und geneigt war, es auszuprobieren, bevor man eine endgültige Entscheidung über das Für und Wider traf, bevorzugte der Lehrer Bewährtes und Althergebrachtes fortzusetzen. Dadurch entstanden viele Reibereien, die letztlich dann doch wieder entschärft wurden, indem man Kompromisse fand.