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Die geistesgestörte Bauern-Mare war hilflos dem Gespött ausgesetzt

Bayern, Heimat, Tradition und Brauchtum - gestern, heute, morgen

Euthanasie Programm brachte Behinderten unsägliches Leid und Tod

Niemand darf kraft Gesetzes wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.


Dieser Passus im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art 3 kam für die Menschen vor 1949, die behindert, psychisch und geistig gestört waren, zu spät. Ihnen wurde unsagbares Leid und unerträglicher Schmerz durch sogenannte normale Menschen zugefügt.

 

Ich selbst habe als Kind miterlebt, wie man mit ihnen umging. In unserer Nachbarschaft in Aign (Gemeinde Vogtareuth Landkreis Roseanheim in Oberbayern) wurde die psychisch kranke Mare (Maria). die Schwester der Bäuerin Zenz (Kreszenzia), im Stall des bäuerlichen Anwesens untergebracht. Sie war wie ein Tier in einer Art ,,Verließ" eingesperrt. Ihre Kleidung bestand nur aus Lumpen und ihre Liegestatt war nicht einmal ein richtiges Bett. Statt einem Fenster gab es nur eine Holztüre, die manchmal geöffnet war. Der untere Teil war jedoch zugeschlossen.

Sie wurde regelrecht vorgeführt, quasi als Rechtfertigung, dass man sie im Haus nicht ,,halten" kann, weil sie komische Laute von sich gab und manchmal auch recht zornig in ihrer engen und menschenunwürdigen Behausung umherfuchtelte, was rückwirkend gesehen, kein Wunder war. Es gab keine Möglichkeit zum Heizen, obwohl es damals sehr strenge Winter gab und es bitter kalt war. Eine Waschgelegenheit war auch nicht vorhanden, genauso wenig wie ein Klo.. Dementsprechend verkam ihr Äußeres allmählich zur Hexengestalt, vor der wir zwar Angst hatten, aber keinen Respekt, weil sie uns nicht nachlaufen konnte. Für ihre Notdurft stand in der Ecke ein Potschamperl (Nachttopf), mit dessen Entleerung sie immer drohte, wenn wir ihr zu nahe kamen, sangen Gabersee machs Türl weit auf, de Mari kimmt im Dauerlauf und sie hänselten.

Es tut mir heute noch so unendlich leid und ich schäme mich sehr dafür, dass wir Kinder sie als Mensch dritter Klasse behandelt haben. Ich war damals fünf bis sechs Jahre alt und machte einfach mit, was mir die Älteren vormachten. Keiner von den Erwachsenen hat uns damals davon abgehalten, vertrieben, getadelt oder uns erklärt, dass man das nicht machen darf. Im Gegenteil, es wurde als selbstverständlich hingenommen, dass man so eine tratzen bzw. provozieren und verspotten darf. Das war gemein und niederträchtig. Leider kann man das nie wieder gut machen. Würde man heutzutage Tiere so halten, wie damals die Bauern-Mare, hätte man eine saftige Strafe zu erwarten. Mit Fug und Recht.

Ich habe einmal gehört, wie meine Mutter erzählt hat, dass die Bauern-Mare nicht immer damisch (verrückt) war. Ein Mann hat ihr das Herz gebrochen. Sie war mit ihrer großen Liebe schon verlobt, als er dann plötzlich umschwenkte und doch eine andere Frau heiratete. Damit wurde sie nicht fertig und wurde immer sonderbarer. Wie lange ihr Martyrium dauerte, bis sie der Tod erlöste,  weiß ich nicht mehr. Ich hoffe, sie hat es im Himmel besser und Gott entschädigt sie für das, was ihr auf Erden angetan wurde.

Gabersee mach's Türl weit auf... Nervenklinik war Synonym der Unwerten

Behinderte
Professor Hans Ludwig Bischof war von 1983 bis 1995 ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Gabersee

Mit einer Dokumentation hat der damalige Ärztliche Direktor Hans Ludwig Bischof 1994 begonnen, die Deportation und Ermordung von Patienten der Psychiatrie in Gabersee 1940/41 aufzuarbeiten. Jetzt erinnert in Hartheim eine Gedenktafel an dieses grauenvolle Kapitel der Krankenhausgeschichte: 

 

Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges war die Tötung von unheilbar Kranken und Menschen mit Behinderung ein weiteres mörderisches Unternehmen Adolf Hitlers. Für das "Euthanasie-Programm" wurden sechs "Reichsanstalten" errichtet.

Schloss Hartheim in Oberösterreich war eine davon. Ursprünglich wurde das Renaissance-Schloss nahe Linz von den Ordensschwestern des heiligen Vinzenz von Paul als Pflegeanstalt geführt. Dann erfolgte die Enteignung und der Umbau zur Tötungsanstalt für den Südosten des "Dritten Reiches". Die Nationalsozialisten errichteten Gaskammer und Krematorium. Ab 1940 begann man mit der systematisch organisierten Tötung des aus nationalsozialistischer Sicht "lebensunwerten Lebens". Insgesamt wurden in Schloss Hartheim 30 000 Menschen ermordet.

Unter den Opfern waren auch zahlreiche Patienten und Patientinnen der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee bei Wasserburg am Inn. Drei Transporte gingen direkt von Gabersee aus nach Schloss Hartheim. Den offiziellen Zahlen nach kamen 509 Patientinnen und Patienten aus Gabersee in Hartheim um. Tatsächlich dürften es weitaus mehr Menschen gewesen sein. Denn mit der Schließung Gabersees 1941 waren noch über 400 Patientinnen und Patienten nach Haar verlegt worden. Diese fielen dann von dort aus dem Naziterror zum Opfer. Nur etwa hundert von vormals über eintausend Patienten waren in Gabersee verblieben, um mit sieben Pflegern und einem Arzt den Gutshof weiter zu bewirtschaften. Heute ist das "Mordschloss" Hartheim eine internationale Gedenkstätte

(Quelle: OVB 4.09.2009 Erinnerung an ermordete Patienten)

 

So gesehen, war es für die Bauern-Mare ein Glück, dass ihre Schwester Zenz doch so gnädig war und sie in Kriegszeiten nicht nach Gabersee einliefern ließ, was ihren sicheren Tod bedeutet hätte. Aber vielleicht wäre ihr dadurch  jede Menge Schmerz und Leid und vor allem ein derart unwürdiges und schäbiges Leben erspart geblieben.

Wer damals als Depp abgestempelt war, wie man die geistig behinderten Menschen damals ungeniert respektlos bezeichnete, ist für immer Depp geblieben. Die Nervenklinik Gabersee in Wasserburg wurde zum Synonym dafür.

 

(Quelle: OVB 4.09.2009 Erinnerung an ermordete Patienten)

Die 1883 gegründete Irrenanstalt Gabersee war die erste in Bayern

Behinderte
Die Gedenktafel soll dafür sorgen, dass die Schrecken der Nazizeit nicht vergessen werden

Groß ist es nicht, das Psychiatriemuseum Gabersee, das daran erinnert, dass im Jahr 1883 in Gabersee bei Wasserburg am Inn die erste Irrenanstalt Bayerns gegründet wurde. Dafür um so anrührender und grauenhafter. Es lässt deren schreckliche Geschichte erahnen, aber man tut sich schwer, sie zu begreifen und nachzuvollziehen, was sich in der Nazizeit in Gabersee abgespielt hat. Die Frankfurter Allgemeine berichtete in einem Artikel vom 15.01.2015 von dieser Verwahrungsstätte psychisch kranker Menschen, die zunächst mit der Absicht geführt wurde, ihren Patienten ein menschenwürdiges Leben zu bieten. Die Initiative verdankte sich dem Aufschwung der Psychiatrie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Kranken sollten, so forderten es die Ärzte, in hellen Pavillons leben – und nicht in einem dunklen Kasten dahinvegetieren wie anderswo üblich zu jener Zeit. In Gabersee findet man sich deshalb in einer grünen Anlage wieder, in der Gründerzeitvillen aus hellrosa Backstein mit weißen Fensterläden stehen. Die Anstalt war angelegt wie ein Dorf, mit Kirche und einem Festsaal. Es gab eine Männerstation und eine Frauenstation – und einen Friedhof. Finanziert hat sich der Betrieb über eine Landwirtschaft mit Pferden, Kühen und Rindern, Gärtnerei, Fischzucht und Käserei.

„Was braucht der Mensch zum Leben? Ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und eine Aufgabe“, erklärt Wolfgang Schmid, einer der Pfleger des Klinikums und Gabersee-Historiker aus Leidenschaft, der Besucher die Holztreppe in einer der Villen hinaufführt. Dort ist das Museum eingerichtet. Zwei Räume einer ehemaligen Station, in denen ausgestellt ist, was ein ehemaliger Mitarbeiter der Anstalt über Jahrzehnte hinweg gesammelt hat. Doch wenn Schmid zu erzählen beginnt, fühlt man sich zwischen den weißgestrichenen Stühlen, dem plumpen Essgeschirr, der groben Arbeitskleidung ehemaliger Insassen zurückversetzt in eine Zeit, in der psychisch Kranke vielleicht sogar mit größerer Selbstverständlichkeit behandelt wurden als heute. Sonderlich gemütlich ging es allerdings nicht zu. Schon vor dem ersten Weltkrieg hatte Gabersee mehr als tausend Patienten; Schmid deutet auf ein Foto, das einen Schlafsaal zeigt: „Die Enge in den Räumen war bedrückend. So etwas wie Intimsphäre gab es nicht, die Leute hatten nicht einmal einen Nachttisch.“ Trotzdem, sagt er, habe sich niemand beschwert: „Die Menschen besaßen ja nicht viel. Ein Arbeitsgewand, ein Sonntagsgewand, ein Paar Schuhe. Sie haben hier gewohnt und gearbeitet, viele sind auf den Stationen frei ein- und ausgegangen. Und sie haben jeden Tag ihre drei Halbe Freibier getrunken, die waren da daheim.“ Der Pflegeberuf sei beliebt gewesen, besonders bei Frauen, aber auch bei den nicht ausgebildeten jungen Männern, die aus dem ersten Weltkrieg zurückgekehrt waren. "Sechs Wochen Crashkurs in Psychiatriepflege und schon konnte man Beamter werden und eine Familie ernähren." Von einem alten Schwarzweißfoto schauen die Pflegerinnen und Pfleger herab, einer der Männer trägt ein Hitlerbärtchen - Vorbote einer dunklen Zeit. Denn als die Nazis an die Macht kamen, waren die sorglosen Zeiten für die Gaberseer Kranken vorbei. Im Wasserburger Krankenhaus wurden die meisten von ihnen zwangssterilisiert. Mehr als fünfhundert Patienten wurden nach Schloss Hartheim bei Linz deportiert und vergast - "meistens die Unauffälligen, Braven, die aber als ,unheilbar' diagnostiziert waren" sagt Schmid. Im Jahr 1945 übernahmen die Amerikaner die Anstalt, richteten dort ein Lager für "displaced persons" (verschleppte Personen) ein. Erst 1954 wurde Gabersee mit einer neuen Klientel wiedereröffnet: den "Kriegssüchtigen", die auf den Schlachtfeldern abwechselnd Aufputschmittel und Morphium geschluckt hatten. Doch die große Zeit der Anstalt war vorüber. In den folgenden Jahrzehnten wurden immer mehr private Heime gegründet. Heute gibt es in Gabersee keine Langzeitpatienten mehr. Im Durchschnitt bleiben die Hilfesuchenden nur noch zwei Wochen. Das Museum in Gabersee spiegelt eine bizarre Welt wider, die einer ganz eigenen Logik unterliegt. Es konserviert ein wenig von der Atmosphäre, die in alten Häusern herrschte. Zu sehen ist etwa ein Zimmer, wie es Privatpatienten hatten, mit einem Bett, einem Schrank, einem Tisch und einem Blick ins Grün der Bäume. "Sieht gemütlich aus, aber Waschbecken oder eine Toilette gab es nicht" kommentiert Schmid. Andere Ausstellungsstücke verweisen auf die wenig angenehmen Seiten des Heimalltags, etwa die Aluminiumlöffel - lange Zeit durften die Patienten zum Essen keine Messer benutzen. Am eindruckvollsten und schrecklichsten zugleich wirkt der Spind eines Patienten, der seine Mutter erstochen hatte. Mit der Begeisterung eines Kindes sammelte er leere Schokoladenschachteln und Zigarettenpäckchen, Vogelfedern und Stifte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine 15.01.2015

 

Zur Zeit des Naziterrors erreichte der Wahn, Behinderung und Krankheit auszurotten, mit etwa 100 000 Morden an behinderten Menschen und schätzungsweise 350 000 Zwangssterilisationen seinen grausamen Höhepunkt. Nach 1945 wagte es zunächst niemand mehr, das Lebensrecht behinderter Menschen anzuzweifeln. Sie wurden vielmehr durch eine umfassende Sozialgesetzgebung abgesichert. Dennoch betrachtete und behandelte man sie vielfach nach wie vor als Menschen zweiter, dritter Klasse. So kam es beispielsweise jährlich zu rund 1 000 Sterilisationen, die ohne Einwilligung und teilweise ohne Wissen der Betroffenen durchgeführt wurden. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um Mädchen und Frauen mit so genannter geistiger Behinderung.

Wie geht die Gesellschaft heute mit Behinderten um

Die Politik für Menschen mit Behinderung ist seit Langem ein Schwerpunkt bayerischer Sozialpolitik. Ziel ist eine inklusive Gesellschaft. Hierfür sind folgende Grundsätze richtungsweisend:

 

  • Schutz des Lebens und der Würde von Menschen mit Behinderung,
  • Stärkung der Fähigkeit und der Möglichkeit von Menschen mit Behinderung, über ihr Leben selbst zu bestimmen bzw. es selbst zu gestalten,
  • gleichwertige Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Behinderung.

 

Wie und wo Inklusion in allen Lebensbereichen gestaltet wird und ob sie im Sinne der Behinderten und ihrer Familie gelingt, dürfte sehr unterschiedlich sein. Mancherorts hapert es noch gewaltig an der Barrierefreiheit und der Bewältigung von spezifischen Schwierigkeiten. Aber es gibt natürlich auch viele gute und positive Beispiele.  

Auf jeden Fall sollten Behinderte auf ihr Recht bestehen und sich nicht scheuen, es mit allen rechtlichen Mitteln durchzusetzen.