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In Holzschuhen und bei Wind und Wetter zur Schule nach Rieden

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Im Sommer war der Schulweg schön, aber der Winter hatte es in sich

Schule
Der Schulweg meiner Mutter von Koblberg nach Rieden Gemeinde Soyen war rund acht Kilometer lang

Schüler sind vom Pendeln gestresst, viele haben lange Schulwege so titelte SPIEGEL ONLINE am 18. Januar vergangenen Jahres.. Als ich das gelesen habe, erinnerte ich mich an meine Mutter, die mir immer erzählte, wie lange die Schulwege früher waren. Freilich kann man die heutige Zeit mit damals nicht mehr vergleichen. Es liegen Welten dazwischen. Dennoch sollte es meines Erachtens nicht in Vergessenheit geraten. Schon zu meiner Zeit Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts war das anders, als noch bei meiner Mutter, die bis Einbruch des Winters barfuß in Holzschuhen einen sieben bis acht Kilometer langen Schulweg von Koblberg bis Rieden (Gemeinde Soyen bei Wasserburg am Inn) zurücklegen musste. Einfach versteht sich. Sie hat mir erzählt, wie oft sie gefroren hatte. Sie erzählte aber auch, wie schön und auch abenteuerlich der Schulweg durch Wald und Flur war. Dennoch verstanden die Lehrkräfte schon damals keinen Spaß, wenn jemand zu spät in die Schule kam. Man musste deshalb früh genug aufstehen, um rechtzeitig in der Schule anzukommen. Der Schulweg war auf alle Fälle viel länger, als der Routenplaner heutzutage im Internet anzeigt. Demnach wären es nur 4,2 Kilometer. Aber die Straßen, wie es sie heute gibt, gab es in der Kinderzeit meiner Mutter noch nicht

Wie gesagt, im Frühjahr und im Sommer empfand sie den Schulweg aufregend und erlebnisreich. Im Winter allerdings war es nicht so lustig, durch den hohen Schnee zu stapfen, trotz der selbstgestrickten Socken und der knöchelhohen Lederschuhe. Auch hatten die Mädchen Röcke an. Die innen angeraute Flanell-Unterwäsche vermochte es nicht, die klirrende Kälte abzuhalten. Strumpfhosen gab es selbst in meiner Schulzeit noch nicht. Dennoch ist der Schulweg sowohl meiner Mutter, als auch mir in guter, positiver Erinnerung geblieben. Vom Schulunterricht zeigte sich meine Mama weniger begeistert. Sie hatte Angst vor ihrem Lehrer. Herr Kühbandner war offensichtlich sehr streng und mürrisch. Ich habe gelernt und zuhause konnte ich alles. Rechnen, Schreiben und Lesen - aber dann war, was ich daheim für den Schulunterricht am nächsten Tag gelernt habe, auf einmal wie weggeblasen, als mich der Lehrer aufgerufen hat. Und schon bekam ich wieder Tatzen. (Hiebe auf die Finger)  Das traute ich mich aber meinen Eltern nicht zu sagen, denn die hätten mich dann auch wieder geschimpft, beteuerte sie in ihren Erzählungen, als wenn sie sich noch rückwirkend rechtfertigen müsste.

 

Dazu sei noch angemerkt, dass die Bauernkinder von damals daheim mit anpacken mussten, sobald sie von der Schule heimkamen. Für Hausaufgaben blieb da keine Zeit, weil jede helfende Hand im Haus, Hof und Feld gebraucht wurde. Das Wort Kinderarbeit war absolut kein Thema. Meine Großeltern Josef und Katharina Straßer hatten nur ein kleines Sacherl, wie man früher zu einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb sagte.

 

Die Bauersfamilien waren sehr groß. Zehn Kinder, wie sie meine Oma auf die Welt gebracht hatte, waren überhaupt keine Seltenheit. Bei den Straßers sind zwei bei der Geburt und Hansi ist im frühen Kindesalter an Diphterie gestorben. Erwachsen wurden der Reihe nach Martin, Ludwig, Sepp, Katharina, Anna, Therese und Franz. Sepp ist im Alter von 27 Jahren an einer akuten, schweren Krankheit gestorben. Ludwig wurde im Krieg so schwer verwundet, dass er seinen Beruf als Zimmerer nicht mehr ausüben konnte und Franz wurde mit 19 Jahren zum Militär einberufen. Er verbrachte zehn Jahre in russischer Gefangenschaft. 

 

Meine Großeltern verkauften im Jahr 1932 ihr landwirtschaftliches Anwesen. Sie bauten sich in Lohen (Gemeinde Vogtareuth) eine neue bäuerliche Existenz auf, die sie 1946 an ihren Sohn Ludwig übergaben.

Mein kurzer, aber ebenso interessanter Schulweg von Aign nach Zaisering

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Beim letzten Schülertreffen in Zaisering kam auch der Schulweg zur Sprache

Die Länge des Schulweges meiner Mutter konnte ich selbstverständlich mit 1,5 Kilometer nicht toppen. Aber er war nicht minder spannend und manchmal aufregend. Beschwerlich fand ich ihn nie, im Gegenteil. Er hätte manchmal länger sein können, um die lebhaften Gespräche und Auseinandersetzungen zu Ende bringen zu können, bevor wir die Volksschule in Zaisering erreichten. 

 

 

 

 

Als ich schon weggezogen war, wurde leider aus dem ehemaligen Feldweg, der damals von Aign zur Zwergschule führte, eine schnurgerade Betonstraße. Das wäre sicher eine langweilige Strecke gewesen, wenn es sie zu meiner Schulzeit schon gegeben hätte. 

 

Einige Episoden sind mir in Erinnerung geblieben. Ich musste mindestens einmal pro Woche nach der Schule zum Bäcker gehen, um frisches Brot zu kaufen. Das duftete auf dem Heimweg immer so verführerisch, dass ich manchmal nicht widerstehen konnte, den Wecken anzubeißen. Einmal war der Appetit so groß, dass ich den Wecken immer wieder aus der Papiertüte hervorholte und ihn so aushöhlte, dass ich daheim nur noch die Hülle abliefern konnte. Gelobt wurde ich dafür von Mama nicht, wie man sich vorstellen kann. Sie schickte mich umgehend nochmals los, um einen neuen Wecken Brot zu holen. Papa und sie hatten nämlich auch Hunger und Brot gehörte damals zum absoluten Hauptnahrungsmittel. 

Ein gefährlicher Gänserich vermieste uns den Birnenklau

Obwohl wir in Aign einen sehr liebenswerten und gutmütigen Haushund namens Bubi hatten, war mein Respekt vor diesen Tieren groß. Bubi war ein Dackel und der bellte naturgemäß, wenn Fremde vor der Haustüre standen. Alles recht und schön. Aber vor freilaufenden und streunenden Hunden, die in Zaisering auch manchmal umherliefen, hatte ich schlichtwegs Schiss. Das hatte auch seinen Grund: Der Erl-Hund, also der Schäferhund unseres vormaligen Nachbars, war sich seiner Größe nicht bewusst und begrüßte mich dermaßen stürmisch, dass ich mich ab dann vor ihm und allen anderen Hunden fürchtete. Damals war ich nämlich nur halb so hoch wie er. 

Diese Attacke war aber noch gar nichts, gegen den Gänserich, der uns Aigener-Schulkinder mit großem Geschnatter und Flügelschlag verfolgte. Holte er uns ein,  zwickte er, wo er uns erwischen konnte. Trotzdem war die Verlockung größer, als die aggressiven Anschläge des Ganters. Die Birnen schmeckten einfach zu gut und deswegen versuchten wir immer wieder welche vom am Schulweg stehenden Baum abzureißen. Wahrscheinlich hat die Bäuerin ihren gefiederten Freund extra hierfür abgerichtet und auf uns angesetzt, um uns von dieser kriminellen Handlung abzuhalten. Gut dass der Schuasta Hansi oder der Marte manchmal ihre Steinschleuder dabei hatten, um ihn abzuschrecken und zu verjagen. 

Meine Kinder mussten nur ein Haus überholen, um die Schule zu erreichen

Carina, Tanja und Seppi, meine Kinder und auch mein Enkel David kamen nie in den Genuss eines langen Schulweges. Denn ihre Bildungseinrichtung befand sich direkt in der Nachbarschaft. Genauer - es musste nur ein Haus überholt werden, wie David vor Beginn seines Schulanfangs sagte - und schon sind sie angekommen. Die Konsequenz daraus war, dass sie, wenn sie etwas vergessen hatten, schnell heimgehen konnten, um es zu holen. Der Nachteil war, dass sie nicht so einfach die Schule schwänzen konnten. Außer sie wären im Haus geblieben. Ihre Schulfreunde und Klassenkameraden und vor allem die Lehrkräfte hätten sie sofort gesehen , wenn sie sich im elterlichen Hof aufgehalten hätten. Theoretisch meine ich, denn das ist natürlich nie vorgekommen.

 

Meine beiden Enkelinnen Romina und Julie besuchen beide ein Gymnasium in Straubing. Dazu müssen sie in Radldorf in den Zug einsteigen und dann mit dem Bus zur Schule fahren. Diese Verkehrsmittel sind täglich gesteckt voll und sie bekommen oft keinen Sitzplatz. Es herrscht eine Drängelei und Stupserei. Da kann man jeden Tag froh sein, wenn nichts größeres passiert.  Ob das schöner oder besser ist, wie früher ein langer Fußweg zur Schule, sei dahingestellt. Aber die Zeiten ändern sich nun mal unabdingbar. Meine Enkelin Emelie in Regensburg kann jeden Tag zu Fuß zur Schule gehen, was auch nicht ungefährlich ist. Meist geht zwar ihr Papa mit. Aber es ist auch schon passiert, dass sie auf einem kurzen Nachhauseweg, zwar nicht auf dem Schulweg, von einem Mann angesprochen, bedroht und verletzt wurde. Die Polizei glaubte ihr nicht. Danach kam es in Regensburg noch Öfters vor und vor Kurzem wurde ein Mann verhaftet, der ein Kind missbraucht hatte. Meine Folgerung hierzu: Es muss immer zuerst etwas passieren, damit seitens zuständiger Stellen reagiert wird. 

 

Es ist traurig, dass Kinder nicht mehr gefahrlos zur Schule gelangen. Heute habe ich im Dingolfinger-Anzeiger gelesen, dass oberfränkische Eltern gerichtlich durchgesetzt haben, dass ihr 13-jähriger Bub mit dem Taxi zur Schule gefahren wird. Er müsste ansonsten 2,3 Kilometer zu Fuß gehen, teils eine unübersichtliche und einsame Strecke. Wenn ich zurückdenke: Ich musste mit knapp 14 Jahren jeden Tag mit dem Rad auf der ziemlich stark befahrenen Landstraße nach Rosenheim zu meiner Lehrstelle nach Haidholzen hin und retour fahren. Es gab keine Alternative. Erfreulicherweise ist nie etwas passiert.

Ich kann es aber gut nachvollziehen, wenn man heutzutage Angst um seine Kinder und Enkel hat. Die Zeiten sind meines Erachtens gefährlicher geworden und die Bedrohungen vielseitiger. Dementsprechend muss man dagegen steuern. Oder scheint es nur so, weil man sofort alles aus den diversen Medien erfährt? Ist früher mehr unter den Teppich gekehrt worden? Wie auch immer - die Kinder büßen damit die Unbeschwertheit des Erwachsenwerdens und die Freiheit des Kindseins ein. Im Gegensatz zu heute bin ich frei und wild aufgewachsen.