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Wer zu hoch hinaus will, fällt manchmal ganz tief

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Ein Bauer , der mit einem Karussell das große Geld machen wollte

anno dazumal
Ein findiger Bauer stellte Mitte des 20. Jahrhunderts ein Kettenkarussell als Geldquelle auf seinem Bauernhof auf

Eine Bauerngeschichte , die von Fortschritt und Reinfall erzählt

Unter dem Titel s'Karussell hat mein früherer Volksschullehrer Manfred Bacher niedergeschrieben, dass es früher schon Bauern gab, die sich nicht nur auf ihrer Hände Arbeit und den Erwerb aus ihrer Landwirtschaft beschränken wollten, um sich den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu sichern. Die Devise Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, wurde derartigen Visionären nicht selten zum Verhängnis, denn nicht immer ging ihre Rechnung auf. Meist wurden sie von der Dorfbevölkerung als Spinner und Deppen abgetan und verspottet.

 

Der Rechenauer ist ein kluger Bauer. Seine fortschrittlichen Ideen erweisen sich immer wieder als richtig. Aber wer seiner Zeit voraus sein will, findet im Dorf keine Anerkennung. So ist der Rechenauer ein Außenseiter, einer, der sogar seine Frau von Weißgottwo hergebracht hat. Weil er bei den Nachbarn für ein wichtiges Unternehmen kein Ohr findet, lässt er sich auf Spekulationen ein. Er verbindet sich mit einem Baulöwen und auch mit Josi, einem Mann aus der Jahrmarktsbranche. Auf dessen Rat hin kauft er ein altes Karussell, bringt es auf Hochglanz und schickt Josi damit auf die Reise. Da zeigt es sich, dass der Rechenauer zwar von weiser Voraussicht ist, was die zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft anbelangt, dass er aber an der Gutgläubigkeit den Menschen gegenüber scheitert.

 

Wäre es gut gegangen und Rechenauer damit reich geworden, hätte man ihn sicher beneidet.

Des einen Leid war meines Großvaters Freud

Freilich war die Geschichte des hochtrabenden Bauern Rechenauer eine Mischung aus Wirklichkeit und Fantasie. Bacher wollte ihn keinesfalls bloß stellen und lächerlich machen., da bin ich mir sicher. Aber dass es das Karussell gab und der Rechenauer, der selbstverständlich nicht mit richtigem Namen genannt ist, damit Bankrott ging und einige seiner Grundstücke verkaufen musste, weiß ich aus Erzählungen meiner Mutter. Mein Großvater Josef Strasser konnte das von der Hofstelle abgesplitterte Grundstück zum Hausbau und auch landwirtschaftliche Flächen wahrscheinlich günstig erwerben. Wie er allerdings davon erfuhr, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber schon damals hatte man seine Quellen. Schließlich ist Koblberg bei Soyen, wo meine Großeltern vorher gewohnt hatten, nicht so weit von Vogtareuth entfernt und Lohen gehört zur Gemeinde Vogtareuth. Und ein Karussell in einer Hofstelle ist sicher auch eine einmalige Sache gewesen. Diese Sensation wird sich herumgesprochen haben. Vielleicht ist es auch in der Zeitung gestanden, dass der Rechenauer-Bauer damit gescheitert ist. 

Wie gewonnen, so zerronnen - Karussell weg, Geld futsch

Als der Rechenauer sein Karussell einweihte, lud er alle Bürger in der Umgebung ein, egal ob sie ihm wohlgesonnen waren oder nicht. Insbesondere die Honoratioren, von denen er sich wahrscheinlich versprach, dass sie ihm bei seinen künftigen Unterfangungen unterstützen und behilflich sein könnten. Aber auch seine Kritiker, um zu beweisen, was er in der Lage war, auf die Beine zu stellen. Alle wurden sie üppig und reichhaltig bewirtschaftet. Der Bauernhof war für einen Tag ein Rummelplatz, wie man ihn sonst eher vom Oktoberfest in München kannte. Er war wer, der Rechenauer. Es ging ihm vorrangig auch um sein Ansehen und das seiner Familie. Er gehörte zur Oberschicht. Dazu trug auch die Investition in ein Hochhaus in der Stadt bei. Leider währte dieser sehr angenehme Zustand nicht lange, wo er jede Menge Bewunderung einheimste, obwohl man ihn unter vorgehaltener Hand als verrückt erklärte. Es war nicht beabsichtigt, dass das schmucke Ketten-Karussell lange stehen bleibt. So wurde es, nachdem es alle seine Gäste bestaunt hatten, am nächsten Tag wieder abgebaut. Mit seinem Kompagnon, in Bacher's Bauerngeschichte Josi genannt, transportierte es der Schaukel-Bauer nach Tirol, später nach Innsbruck in Österreich, wo es richtig viel Geld bringen sollte. Doch Josi war ein Gauner. Er verschaukelte Rechenauer wortwörtlich. Während dessen Abwesenheit baute er das Karussell ab und verscherbelte es. Genauso den Wohnwagen und den Sattelschlepper. Mit den Einnahmen ist er auf Nimmerwiedersehen verschwunden und der Rechenauer hatte das Nachsehen. Inzwischen ist auch die Baufirma Konkurs gegangen. Seine ganzen  finanziellen Mittel und seinen Wald als Pfand hat er in das besagte städtische, fast fertige Hochhaus gesteckt, die er von heute auf morgen allesamt abschreiben konnte. Keiner konnte und wollte ihm mehr aus der Patsche helfen. Nur mehr Spott und Häme hatten alle für ihn und seine Familie übrig.

Seine ganze Hoffnung war die Stichwiese, die Bauland werden sollte

Sein letzter Strohhalm war ein Spezl im Gemeinderat. Der sollte ihm helfen, wie vorher schon des Öfteren besprochen, seine Stichwiese in Bauland auszuweisen. Dann wäre er mit einem Schlag aus dem Schneider. Doch auch der war auf seinen eigenen Vorteil bedacht, bevorzugte eine andere Fläche und ignorierte den Appell seines früheren Mitstreiters Rechenauer. So nahm das Schicksal der sechsköpfigen Familie unaufhaltbar seinen Lauf. Sie verloren alles und mussten sich eine neue Bleibe suchen, die sie im ehemaligen ausgebauten Pferdestall des Wirtshauses in Niedernburg, Gemeinde Prutting fanden. So erzählte mir es meine Mutter, die ebenfalls später in dem Haus wohnte. Sie mochte und schätzte Albert, den noch einzigen lebenden Bauerssohn sehr. Wie seine Mutter war er freundlich und lustig.

Der verkrachte Rechenauer-Bauer hatte seinerzeit Glück im Unglück. Während einer seiner Nachbarn, der kein gutes Haar mehr an ihm ließ, ganz plötzlich verstarb, war er zwar arm wie eine Kirchenmaus, aber dafür gesund und munter. Er schmiedete sogar schon wieder Pläne, die allerdings Hirngespenste blieben. Seine Frau brauchte viel Verständnis für ihn. Ansonsten war er ein patenter Mensch, der meines Erachtens nach Achtung und Respekt suchte. Blöd war er auch nicht, der Rechenauer. Er hatte immer vorausgesagt, dass einmal die Zeit kommen wird, wo die kleinen Bauern ihre Landwirtschaft aufgeben und sich nach was anderem umschauen müssen. 

Seine Prophezeiungen haben sich inzwischen bewahrheitet. Bestehen können vorwiegend die großen Agrarfabriken. Alle anderen die noch übrig geblieben sind, brauchen ein oder mehrere Standbeine und ansonsten wird die Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb betrieben. Während der Berufsstand des Bauers früher sehr hohes Ansehen genoss, sind sie derzeit eher die Prügelknaben. Sie haben viele Aufgaben zu bewältigen, hohe Umweltstandards zu erfüllen und sind strengen Reglements unterworfen.