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Erst als er nicht mehr da war, vermissten wir Arne

Bayern, Heimat, Tradition, Brauchtum - gestern, heute, morgen

Ein unauffälliger Mitschüler, der so schön Kasperltheater spielen konnte

Schule
Arne (links) und sein Freund Fredy (Volksschule Zaisering Landkreis Rosenheim

Wie ich schon erwähnt habe, bin ich in eine ,,Zwergschule" im Landkreis Rosenheim gegangen. Zaisering heißt das Nest, das zur Gemeinde Vogtareuth gehört. Nachdem alle meiner durchwegs römisch-katholischen Mitschüler geläufige Namen mit einem heiligen Patron hatten , registrierte ich Arne damals nur als einen, der kein Hiesiger sein konnte. Ich erfuhr erst nachträglich, dass er in Obernburg bei seiner Großmutter untergebracht war.  Über seine Eltern beziehungsweise seine Familie wussten wir nicht viel und ansonsten nahm man eigentlich nicht sonderlich Notiz von ihm, zumal er ein sehr stiller, in sich gekehrter Junge war, der nicht viel von sich preis gab. Mein Lehrer Manfred Bacher hat ihn in seinem Buch ,,Lehrer sein dagegen sehr" in einem eigenen Kapitel erwähnt, das er kurz und knapp "Arne" nannte.  Seine Eindrücke und Erinnerungen über ihn beschrieb er folgendermaßen:

Ein zurückhaltender Bub mit verborgenen, aber bemerkenswerten Talenten

Dreiundfünfzig Kinder sitzen in meiner Klasse, ordentlich getrennt nach den Schülerjahrgängen fünf bis acht, und außerdem sortiert nach Buben und Mädchen. Alle Schüler kenne ich dem Namen nach, von den meisten weiß ich noch ein wenig mehr.

 

Da ist die Bachmeier Rosa, die sich meist in den Vordergrund  zu schieben weiß und immer einen Platz in der ersten Bankreihe beansprucht. Sie liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, macht ihre Hausaufgabe mit einem farbenkräftig umrahmten Zusatz und wenn ich sie einmal längere Zeit nicht beachte, wirft sie zufällig ihr Schreibzeug zu Boden, damit sie sich in Erinnerung bringt.

 

Der Angerer Gerhard dagegen meldet sich nie, schwätzt nie, tändelt nie, dass man glauben möchte, er verschliefe den ganzen Unterricht. Aber wenn ich ihn aufrufe, weiß er genau Bescheid und gibt eine präzise Antwort. Er fällt auf, weil er so besonders unauffällig ist.

 

Der Bergler Hans ist so dumm, wie er breit und groß ist, und er weiß es auch. Er ist gar nicht froh darüber, deshalb spielt er beim Turnen linkisch und unbeholfen mit seiner Kraft, damit die Mitschüler ihm wenigstens ein bisschen Anerkennung zollen. Ab und zu unterstreiche ich unauffällig in seinem Lesebuch ein paar Zeilen. Er weiß dann, dass ich ihn am nächsten Tag während der Lesestunde aufrufen werde. Er lässt sich die Sätze zu Hause vorlesen und lernt sie dann mühsam auswendig. Bald geht in der Schule ein Gerücht um, dass der Bergler Hans sich bloß verstelle und dem Lehrer etwas vormache. In Wirklichkeit könne er doch ein wenig mehr als gar nichts. So gewinnt der Hans ganz ungewohntes Ansehen.

 

Den Glaser Michel kenne ich schon, bevor er in meine Klasse versetzt wurde. Er trägt gewissermaßen ein Firmenzeichen. Wenn man schon fünf Kinder aus der gleichen Familie in der Klasse hatte, ist der nächste leichter zu ergründen.

 

Aber den Arne kenne ich wirklich nur dem Namen nach. Er fällt in der Klasse so wenig auf, wie der einzelne Zuschauer in einem vollen Kinosaal. Erst als ich für Arne das Zeugnis ausstellen muss, wird mir klar, dass auch er zu meiner Klasse gehört. Was soll ich als Zeugnisbemerkung eintragen? Ich schaue im Schülerbogen nach. „Der mittelmäßig begabte Schüler arbeitet im allgemeinen ordentlich mit; er gibt sich redlich Mühe, gute Leistungen zu erzielen.“ Aha, der Kollegin von der Unterklasse ist Arne also auch nicht aufgefallen. Was steht unter den Personalangaben? Vater: Bauingenieur, verstorben. Mutter: Alexandra Kunzt. geb. Maroldt. Wohnhaft in Hamburg. Das Kind lebt bei der Großmutter im Weiler Oberndorf.

 

Doch plötzlich fällt Arne auf. Wir basten im Werkunterricht Kasperlpuppen aus Papiermaschee. Arne formt einen sehr eigenartigen Kopf. „Ich mache ein Gespenst“ erklärt er mir, „weil ich dann erst beim Anmalen zu wissen brauche, was es genau wird. Vielleicht wird es eine Hexe oder ein Räuber, vielleicht auch bloß ein gewöhnliches Gespenst oder ein Teufel oder ein Tod.“ Schließlich bemalt er den Kopf weiß, gibt ihm dunkle Augenhöhlen und gelbe Zähne. “Jetzt kann ich ihn als Tod oder als Gespenst verwenden“ sagt er, „alle machen nämlich nur Räuber, Kasperln oder Hexen. Aber wenn wir mit den Puppen Theater spielen sollen, brauchen wir auch einen Geist oder einen Tod.“

 

Ein Kasperlspiel, das war eine Idee. Aus Sackleinwand und Leisten bauen wir ein Kasperltheater.

 

Und nun kommt der große Tag für Arne. Ich spiele den Kindern ein kurzes Kasperlspiel vor, irgendetwas, was mir gerade einfällt; von einem Räuber, der einen Schatz stiehl, und vom Kasperl, der ihm die Beute wieder abnimmt.

 

Die Kinder, auch die großen von der achten Klasse, sind ganz bei der Sache und klatschen begeistert Beifall. Gaudi ist schöner als Unterricht.

 

„Morgen kann jemand von euch ein Stück aufführen, sage ich zur Klasse. „Wer will spielen?“ Niemand meldete sich. Ich hatte es mir ja gedacht und meine Frage selbst nicht als Aufforderung aufgefasst.

 

Da meldete sich Arne, schüchtern zwar, dass man seinen erhobenen Arm kaum sieht. Erst als seine Nachbarn rufen: „Der Arne, der Arne“ entdecke ich ihn.

 

„Darf ich morgen wieder eines spielen?“ fragt er. Jetzt ist Arne endlich aufgefallen.

 

Nach einigen Tagen weiß ich mehr über ihn. Sein Vater ist früh an Tuberkulose gestorben, seine Mutter der Trunksucht verfallen. Sie wechselt von der Trinkerheilstätte zum Alkohol und vom Alkohol zur Trinkerheilstätte. Arne bekommt seine Mutter nur selten zu sehen. So alle Jahre einmal zieht ihn eine fremde Frau zur Brust, eine Frau die er nicht kennt, die sich seine Mutter nennt. Sie weint und  lacht vor Freude und sagt, dass sie nun immer bei ihm bleibe und alles wieder gut würde. Aber ein oder zwei Tage später ist sie wieder verschwunden und Arne vergisst sie wieder. Er vergisst diese Frau, das Erlebnis vergisst er nicht.

 

Arne spielt nun schon sein drittes Stück. Jedes Kasperlspiel hat einen anderen und besonderen Inhalt. Jedes ist lustig und begeistert die Mitschüler so sehr, dass sie schreien: „Arne, noch eins. Noch ein Kasperlspiel, Arne!“

 

Aber Arne wird keines mehr spielen. Am Vormittag fragt er mich, ob er heimgehen dürfe, weil ihm gar nicht gut sei. Ich bin erstaunt, weil Arne noch nie vom Unterricht weggeblieben ist.r

 

„Wo fehlts denn Arne? Was tut dir weh?

 

„Ich weiß es nicht, mir tut eigentlich gar nichts weh, aber ein bisserl tut mir alles weh. Ich glaube, dass ich doch nicht heimgehe“

 

Ich schicke ihn heim.

Der Arne ist gestorben, gestern Abend ist er gestorben

Am nächsten Tag – einem Mittwoch – kommt Arne nicht zur Schule. Nachmittags haben die Mädchen Handarbeit. Ich muss etwas aus dem Schulzimmer holen. Da kommen mir vier Mädchen entgegen. Sie fangen zu schluchzen und zu heulen an.

 

„Was ist denn los mit euch?“ frage ich. „Hört auf zu weinen, es wird schon wieder gut!“

 

„Der Arne ist gestorben, gestern Abend ist er gestorben!“ sagt eine der vier und schlägt die Hände vors Gesicht.

 

„Der Arne? Was, Arne ist gestorben?“ Ich bin so fassungslos, dass ich nicht weiß, was ich sagen oder fragen soll.

 

Arne ist gestorben, er, den ich nun etwas besser kenne als all die anderen Kinder meiner Klasse. Den ich, so kommt es mir vor, gerade erst entdeckt habe.

 

Am nächsten Tag sitzt nicht mehr meine alte Klasse vor mir. Das sind nicht mehr die gleichen Kinder, deren Schwatzhaftigkeit und Unaufmerksamkeit mich nach einem Arbeitstag unzufrieden und niedergeschlagen werden ließen. Nicht mehr die Kinder, die in mir nach einem erfolgreichen, gelungenen Unterricht das Gefühl der Selbstsicherheit und der Freude auslösten.

 

Da ist etwas in die Klasse getreten, das uns auf eine unerklärliche, unheimliche Weise zusammenführt. Da sitzen plötzlich nicht mehr dreiundfünfzig Schüler, die auf den Unterrichtsbeginn warten, sondern nur noch zweiundfünfzig hilflose Menschen, die eine stumme Frage stellen und auf eine Antwort hoffen, und da ist ein Lehrer, der nicht weiß, was er sagen soll.

 

„Wir müssen ein Lied lernen, Kinder, für Arne, morgen um neun Uhr wird er beerdigt.“

 

Die Kinder gehen schweigend und ohne weitere Aufforderung heraus und stellen sich zum Chor auf. 

Plötzlich hatten alle eine enge Beziehung zu Arne. Wir vermissten ihn sehr.

„Dort oben, dort oben, an der himmlischen Tür….“

 

Es ist eine seltsame Grabrede, die ich halte, eine Ansprache, in der von einem Kasperltheater und von einem bemalten Gespenst zu hören ist.

 

Nach der Beerdigung sitzen die Kinder wieder im Schulzimmer.

 

„Unsere Kasperlbühne, Kinder…“ Ich brauche den Satz nicht zu Ende zu sprechen. Schon packen ein paar Buben das bunte Gestell aus Rupfen und Leisten und auch die Schachtel mit den Puppen und stellen alles in eine Ecke.

 

Ein Sitzplatz ist leer. Die Kinder schauen scheu auf diesen leeren Platz.

 

Jetzt, wo Arne nicht mehr unter uns ist, haben alle eine enge Beziehung zu ihm. Sie sind entweder Banknachbarn, Freunde, Spielkameraden oder hatten den gleichen Schulweg oder das gleiche Steckenpferd.

 

Ein Sitzplatz bleibt leer. Eine Woche später bittet mich der Glaser Michl vor dem Unterricht, den Platz wechseln zu dürfen.

 

„Hast du dich mit deinem Freund zerstritten?“

 

„Ich mag mich nicht mehr neben den Josef sitzen.“

 

„Von mir aus kannst du dich woanders hinsetzen, so lange, bis ihr wieder Freunde seid. Weißt du schon, mit wem du den Platz tauschen willst?²

 

Michl weiß es. Er setzt sich auf Arnes Platz.

 

Die Glocke läutet, der Unterricht beginnt. 


Quelle: Taschenbuch ,,Lehrer sein dagegen sehr"/Autor Manfred Bacher


Jeder Mensch hat Begabungen und die Chance verdient, sie zu zeigen und auszubauen

Arne wurde kurz vor seinem Tod noch die Gelegenheit zuteil, sein Talent anhand der Kasperl-Theater-Aufführungen unter Beweis stellen zu können. Er war plötzlich nicht mehr der unbeachtete, stille und unscheinbare Schüler, sondern für ein paar Tage der Star in der Klasse. Er konnte etwas, was andere nicht konnten. Er hob sich von den anderen ab, obwohl er ansonsten nur mittelmäßige schulische Leistungen vorzuweisen hatte. Aus ihm hätte vielleicht ein begnadeter Schauspieler werden können, man weiß es nicht. Mit seinem darstellerischen Fähigkeiten und seiner Wandlungsfähigkeit, verschiedene Charaktere der Menschen aufzuzeigen und in verschiedene Rollen zu schlüpfen, avancierte er zum Klassenheld. Er, der Nichteinheimische, der von irgendwo her zugezogen ist, war auf einmal wer. Zu verdanken hatte er dies einem verständnisvollen Lehrer wie Manfred Bacher, der keine Vorurteile gegenüber seinen Schülern hegte, sondern mit diversen Aktionen deren Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten schürte und ihnen eine förderliche Lernumgebung bot. 

 

Das würde ich so manchem Kind von heute auch wünschen, nicht stur nach den Leistungen in den jeweiligen Fächern benotet und beurteilt zu werden, sondern dass vielmehr ein Augenmerk auf die Talente der Kinder gerichtet wird, die in jedem Menschen in irgendeiner Form schlummern. Besonders die Herzensbildung erachte ich in der immer kälter und oberflächlicher werdenden Welt als äußerst wichtig.