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Herr Lehrer, aber heiraten tue ich ihn doch, den Schosei

Blöd, wenn man so gescheit ist, dass einem die Mädels auf die Pelle rücken

Der Schosei (vordere Reihe 3.von rechts und Emma (zweite Reihe 3. von rechts)
Der Schosei (vordere Reihe 3.von rechts und Emma (zweite Reihe 3. von rechts)

Als ich kürzlich wieder einmal wieder  in den alten Schulgeschichten stöberte, die mein Volksschullehrer Manfred Bacher in Taschenbüchern festgehalten hatte, bin ich unweigerlich auf eine amüsante Geschichte eines aufgeweckten und sehr intelligenten Mitschülers, der sein für sein Alter sehr bemerkenswertes Wissen nicht geheim halten konnte und keineswegs auch mochte, gestoßen. Es sprudelte nur so aus ihm heraus,  egal ob es gerade passte oder nicht.  Man kann sagen, er war ein kleiner Klugscheißer und Besserwisser, aber er wusste halt mal mehr, als wir. Er hegte Interesse an Dingen, von denen die meisten von uns noch nie etwas gehört haben. Kein Wunder, wenn ein solches Exemplar von den Mädels bewundert, aber von einigen anderen Buben gemieden wird. Lehrer Bacher beschreibt seine Eindrücke unter der Überschrift 

S C H O S E I  so:

 

Wenn ein Lehrer aus irgendeinem Grund für einige Tage ausfällt, muss dessen Klasse von einem Kollegen mitgeführt werden. Das ist eine gute Erfindung, hab aber einen Haken: Der ausfallende Lehrer lässt in seiner eigenen Klasse genauso viel Unterrichtsstunden ausfallen, wie er in den verwaisten Klassen geben muss. Die Aushilfestunden aber hält er ungern und oft ohne die erforderlichen Spezialkenntnisse, und so füllt er die Zeit schlecht und recht mit Schönschreiben, Zeichnen und Vorlesen aus. Aber drei und drei ist sechs und wenig ist mehr als gar nichts.

Einmal musste ich meine erkrankte Kollegin für eine Woche vertreten und also die Hälfte meiner Pflichtstunden in ihrer Unterklasse verbringen. 

Schosei  war der kleinste Knirps, aber der  größte Naseweis

 

Es war kurz nach dem Nikolaustag. Mit meiner freundlichsten Stimme fragte ich die Kleinen, was der Heilige Mann ihnen alles gebracht habe. Meine Hoffnung, dass nun die Sechs-bis Neunjährigen eine halbe Stunde lang ohne mein Zutun erzählen würden, erfüllte sich. Zuerst fing der allerkleinste Knirps aus der ersten Klasse, der Schosei, ganz laut zu berichten an.

 

„Ich habe eine Schockolade gekriegt, und….und eine Rute habe ich gekriegt, und…und Lebkuchen…und Nüsse habe ich auch gekriegt, und…und …und Mandarinen, und…und…jetzt weiß ich es nicht mehr, was ich noch gekriegt habe.“  „Vielleicht fällt es dir später wieder ein.“ sagte ich und rief ein anderes Kind auf.

 

Wir rechneten dann ein wenig und schließlich lasen wir. Der Schosei war die ganze Zeit über nicht ansprechbar. Er sah stur vor sich hin, war völlig geistesabwesend und wenn ich seinen Namen rief, schaute er mich gar nicht an.

 

Plötzlich aber, gerade als wir mitten im Lesen waren, sprang der Schosei wie ein Knallfrosch hoch und schrie: „Und…und ein Paar Handschuhe, Herr Lehrer“

 

Der Schosei war nicht bloß der kleinste seines Jahrgangs, er war auch der Star der Klasse. Keiner sauste beim Turnen so wieselflink umher wie er, keiner warf einen Stein weiter und keiner war gescheiter und gründlicher als er.

 

Schon am ersten Schultag konnte der Schosei fließend aus seiner Fibel lesen und zitierte die Tageszeitung. Er verstand etwas von Stenografie und sprach ,,Good Morning“ und „Okay“ perfekter als jeder waschechte Amerikaner. Als die Lehrerin am ersten Schultag das Wort TÜR in großen Blockbuchstaben  über den Eingang geschrieben hatte, war der Schosei gleich bei der Sache und sagte, dass er mit seiner Schwester Englisch lerne und dass Tür auf englisch „door“ heiße, was man bei uns aber so ausspreche wie ein „Tor“. Das englische „door“ wäre aber kleiner als ein Tor, weil es eine Tür sei. Und als das Fräulein am gleichen Tag noch fragte, was zwei und zwei sei, meldete sich der Schosei und sagte:

 

„Zwei und zwei ist das gleiche wie zwei Kubikmeter und zwei Kubikmeter und wenn es Kies ist, gibt es einen ganzen Lastwagen voll und wenn es Bretter sind, kosten sie mindestens 350 Mark.“  War es ein Wunder, dass der Schosei von allen Buben und Mädchen seines Jahrgangs bewundert wurde?

 

Ich schloss meinen Aushilfe-Unterricht ab und entließ die Klasse. Ich nahm meine Mappe. Da kam weinend eines der Erstklassler-Mädchen zurück.

Weil die Emma es auf ihn abgesehen hatte, machte Schosei richtig wütend

 

„Was ist denn los? Warum weinst du denn, Emma?

 

„Weil …weil mich der Schosei verhauen will. Und er wartet unten auf mich.

 

„Ja, warum will er dich denn verhauen?

 

„Weil der Schosei so gemein ist.“

 

Mehr war nicht aus ihr herauszubringen.

 

Also ging ich zum Fenster, schaute hinunter, entdeckte den Schosei hinter einem Busch und rief ihn herauf.

 

„Sag einmal, Schosei, warum willst du denn die Emma schlagen?“

 

„Das sag ich dir nicht, Herr Lehrer“

 

„Du musst mir’s schon sagen, Schosei. Es gehört sich nicht, dass ein starker Bub ein kleines Mädchen verhaut.“

 

„Weil sie immer so dumm daheredet, und überhaupt ist sie ganz blöd und spinnt“

 

„Sei doch nicht so bös, Schosei! Also, rück schon raus damit. Was sagt sie denn Dummes?“

 

„Sie sagt, dass sie mich einmal heiratet.“

 

„Geh, Schosei . Lass sie doch reden! Und jetzt gib Acht. Du gehst heim und ich werde der Emma einschärfen, dass sie so etwas nicht mehr sagen darf.“

 

„Mir ist’s recht, Herr Lehrer! – Und die Weiber sind überhaupt dumm und in Indien dürfen sie gar nicht in die Schule gehen, sondern sie werden eingesperrt und verschleiert.“

 

Der Schosei verließ das Schulzimmer.

 

„Ja, Herr Lehrer“

 

„Wirst es auch gewiss nicht mehr sagen?“

 

„Nein, Herr Lehrer,  ich sag’s gewiss nimmer, aber…“

 

„Na, was aber?“

 

„Aber heiraten tu ich ihn doch!“

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Auszug aus dem Taschenbuch ,,Lehrer sein dagegen sehr" von Manfred Bacher/Rosenheimer-Verlagshaus Alfred Förg

Miteinander in die Schule gegangen, aus den Augen verloren, wiedergefunden

Zu meiner (Evi Lichtinger, vormals Giglinger) Schulzeit (1954 - 1962) in der Volksschule Zaisering Gemeinde Vogtareuth gab es nur acht Klassen, die in "Unterklasse" und "Oberklasse" aufgeteilt waren. Zu den Lehrerinnen sagte man ,,Fräulein" und einen Lehrer sprach man mit ,,Herr Lehrer" an. Jedoch duzte man die Lehrkräfte. Dennoch ist meines Wissens aus allem, die sich in der oberbayerischen "Zwergenschule" die notwendigen Grundkenntnisse erworben haben. etwas geworden.. Schosei, obwohl er locker das Zeug zum Studieren gehabt hätte und mindestens Professor hätte werden können, hat als Landwirts-Sohn das elterliche Anwesen übernommen. Es war damals ungeschriebenes Gesetz, dass ein männlicher Nachkomme das "Sach" übernimmt. Was aus seiner damals potenziellen Braut Emma geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Unangenehm habe ich meinen Schulfreund und Nachbarsbub Schosei nicht in Erinnerung. Ehrlich gesagt, habe ich ihn gar nicht so gut gekannt. Obwohl ich mit den Kindern in meiner näheren Umgebung gerne gespielt habe, war er meines Wissens nicht oft dabei.  Ich denke, dass er wie mein Ex-Mann Sepp und mein jetziger Mann Xaver, nach der Schule neben den Hausaufgaben zuhause im elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb mitarbeiten musste. Es wurde jede helfende Hand gebraucht. Das Wort ,,Kinderarbeit" gab es damals noch nicht, sondern es war vielmehr eine Selbstverständlichkeit, dass jeder in der Familie seine Aufgaben zu erfüllen hatte.  Was ich vom Schosei (Georg) weiß, dass er relativ spät, aber dafür eine deutlich jüngere Frau geheiratet hat. Wahrscheinlich haben ihn die Ereignisse mit Frauen in seiner Schulzeit etwas traumatisiert und er hat deswegen sehr sorgfältig geprüft, ob er sich trauen sollte, den Bund der Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen. Anscheinend ist er dann doch auf den Geschmack gekommen und hat erkannt,  dass Mädchen doch gar nicht so übel sind, wie er dachte. Manche können richtig nett sein.

 

Schosei und ich haben uns nach Ende unserer Schulzeit aus den Augen verloren. Ich habe ein paar Monate nach meinem 20. Geburtstag geheiratet und bin von Aign (Gemeinde Vogtareuth) nach Halfing (Nähe Bad Endorf) gezogen. Erst durch Facebook bin ich auf Schosei aufmerksam geworden und wir sind seitdem in sporadischem Kontakt, was ich sehr gut finde, weil ich wieder Verbindung zur Welt meiner Jugend habe.