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Mit neunzehn Jahren das Leben vom Nazi-Regime aberkannt

Bayern, Heimat, Geschichte - Geschichten wecken Erinnerungen

Unmenschliche Schicksale der Nazizeit sollten eigentlich Mahnung sein

Krieg
Lisi Block stammte aus einer gut situierten jüdischen Familie. Sie wurde von den Nazis ermordet.

Heute ist Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Manche denken: Das ist ja schon so lange her, als Menschen anderen Menschen menschenunwürdiges angetan und unsägliches Leid über sie und ihre Angehörigen gebracht haben. Und das wird auch bestimmt nicht mehr passieren.

Doch das kann ein Trugschluss sein.

Darum ist Erinnerung an unmenschliche Schicksale zugleich auch Mahnung, sich dafür bestmöglichst einzusetzen, dass sich so etwas nie wiederholt.

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Da ich als Anfang Januar 1948 Geborene zur Nachkriegsware gehöre, kenne ich die nachfolgende Geschichte des jüdischen Mädchens

Elisabeth Block aus Niedernburg (Landkreis Rosenheim) nur vom Hörensagen . Dennoch gingen mir die Erzählungen meiner Eltern  über das traurige Schicksal der Familie Block sehr nahe. Ich bin in die gleiche Schule wie Lisi Block gegangen - nämlich in die Volksschule in Zaisering. Nur 25 Jahre später, denn sie erblickte am 23. Februar 1923 das Licht der Welt. Ihre Eltern waren gebildete und gut situierte Leute. Der Vater Fritz Block war Diplom-Ingenieur, dem schon der 1.Weltkrieg übel mitspielte. Als Flieger erlitt er eine schwere Verletzung und konnte deshalb seinen Beruf nicht mehr ausführen. Die Mutter Mirjam stammte aus einer Hannoveranischen Akademikerfamilie. Sie betätigte sich künstlerisch und kunstgewerblich. Davon, von der Landwirtschaft und einer eigenen Gärtnerei bestritten die beiden Eheleute den Lebensunterhalt für die Familie, zu der außer Elisabeth noch Sohn Arno und Tochter Gertrud gehörten.

Lisi Block und ihre Familie war der Nazi-Willkür ausgeliefert

Ich wohnte bis zu meiner Heirat in Aign (Gemeinde Vogtareuth), das direkt an Niedernburg (Gemeinde Prutting) angrenzt. Dort wohnte meine beste Freundin Christa Zielke, mit der ich sehr viel Zeit verbrachte. Ihre Mutter Regina war die beste Freundin von Lisi Block. Als enge Vetraute wusste sie natürlich viel über das jüdische Mädchen, das nichts weiter wollte, als genauso aufzuwachsen, wie ihre Gleichaltrigen auch. Regina beschäftigte es bis an ihr Lebensende, dass Lisi und ihre Familie plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren. Die Ungewissheit, welch schweres Schicksal sie ereilt haben musste, plagte sie, zumal man der Naziherrschaft machtlos gegenüber stand, obwohl von Freunden, Nachbarn und Mitbürgern alles menschenmögliche dagegen unternommen hatte. So nahm beispielsweise Landwirt Wolfgang Loy aus Benning (Gemeinde Vogtareuth) Lisi Block als Arbeitskraft auf, um sie vor Zwangsarbeit außerhalb des heimischen Umfeldes zu bewahren. Zweimal verhinderte er bei den Behörden erfolgreich ihre Deportation, weil er auf ihre Arbeitskraft nicht verzichten konnte. Auch durfte die jüdische Familie in ihrem Haus wohnen bleiben, obwohl sie gezwungen worden waren, es zu verkaufen. Andere sorgten unter Gefährdung des eigenen Lebens mit diversen Maßnahmen, dass die Familie überleben konnte.

Später, als mein Vater starb, zog meine Mutter zwei Häuser weiter in eine andere Wohnung im Gasthaus Botenwirt in Niedernburg, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft mit dem ehemaligen Block-Anwesen befand.  In diesem Haus wohnte Albert Wagner und die Federkiel-Oma, die auch des Öfteren diese grausame Geschichte aus dem dunkelsten Kapitel Deutschlands zur Sprache brachte. Sie beschrieben ihre Nachbarn, die fünfköpfige jüdische Familie Block als sehr nett, umgänglich, freundlich und zuvorkommend. Heute würde man sagen: Voll gelungene Integration.

Nur ein Koffer voller persönlicher Dinge blieb übrig

Dass die Familie Block nicht ausgelöscht war, als hätte sie nie gelebt, ist den Tagebüchern, die Elisabeth Block seit ihrem achten Lebensjahr geschrieben hat, zu verdanken. Zwei Tage vor ihrer Deportation übergab die Mutter Mirjam einer ihrer engsten Vertrauten Katharina Geidobler einen großen Koffer zur Aufbewahrung. Darin befanden sich Lisis Tagebücher, Fotoalben, Silberbesteck, Schmuck, Karten, Gemälde, Bücher und Briefe der Familie. die vor der Enteignung zum wohlhabenden Bildungsbürgertum gehörten. 42 Jahre verblieb er unberührt auf dem Dachboden des Geidobler-Anwesens. Oma Geidobler hoffte, dass er irgendwann von den Blocks oder dessen Nachkommen abgeholt würde, was dann auf sehr wundersame Weise auch geschah. (Mehr Details bei www.rosenheim24.de) 

In einer Nacht-und Nebel-Aktion verschwand die Familie Block

Elisabeth Block schildert in ihrem Tagebüchern ein harmonisches Familienleben, Ausflüge, Wanderungen, Schulfeste, bayrisches Brauchtum, Christbaum, sowie Weihnachtsfeste und -lieder. Alles deutet auf eine ungestörte Landidylle hin. Genauso dass Lisi ein fröhliches, unbedarftes Kind ist, das Tiere und die Natur liebt. Sie erwähnt rege und gute Kontakte zu den Nachbarskindern und eine liebevolle Beziehung zu ihren Geschwistern Arno und Gertrud. Die politischen Vorgänge bekam sie lange Zeit nicht mit. So berichtet sie 1934 begeistert vom Horst-Wessel-Lied, das mit Die Fahne hoch beginnt. Genauso über den Parteifilm von 1935, der über die Nürnberger Gesetze informierte und im Schulunterricht vorgeführt wurde. Von freudiger Aufregung schrieb sie, als das Reich sich Österreich einverleibte.

Als schließlich schon eine Reihe Verwandte emigriert waren, bemühte sich die Familie Block um ein Visum in  Argentinien. Leider machte ihnen der Kriegsausbruch 1939 einen Strich durch die Rechnung gemacht. Danach war es zu spät.

Schon 1938 schrieb Elisabeth Block in ihr Tagebuch: Ich, Trudi und Arno dürfen nicht mehr in die Schule gehen. Mit furchtbar schweren Herzen trennte ich mich von meinen lieben Mitschülerinnen. Lisi besuchte inzwischen die Mädchenschule in Rosenheim. Im gleichen Monat erfuhr die Familie von der Ermordung eines Onkels in der Reichskristallnacht. Immer deutlicher wird in den Einträgen von Lisi, in welcher Bedrängnis sie und ihre Familie sich befand. Inzwischen wurde den Juden das Wandern in den Bergen verboten und das Tragen eines großen, gut sichtbaren Davidsterns befohlen. Der Vater wurde zur Zwangsarbeit im Eisenbahnbau verpflichtet, sie und ihre Geschwister mussten auf Bauernhöfen arbeiten. Den weiteren Einträgen ist zu entnehmen, dass sich die Situation mehr und mehr zuspitzte. Lisi schreibt von Unruhe, schlimmen Gedanken und Ahnungen, die in ihr aufkommen: ..denn wie leicht könnte es sein, dass ich ein leeres Haus anträfe und ich allein übrig geblieben wäre. Es ist undenkbar grauenhaft und bedrückend. Man darf gar nicht an so was denken! schrieb sie. Bei ihrem letzten Tagebucheintrag am 8. März 1942 wird sie in Hinblick auf die normale Lage im Schutz der Familie nicht daran gedacht haben, dass das befürchtete Schreckenszenario bald darauf eintraf. Noch im selben Monat wurden Elisabeths Mutter und Bruder Arno ins Sammellager München-Milbertshofen, die berüchtigte Judensiedlung, beordert. Darauf ihr Vater, sie und ihre Schwester Trudi. Von dort aus gingen die Transporte in Richtung Osten via Lager Piaski in die einzelnen Vernichtungslager.

Jude zu sein, war ein schwerer Geburtsfehler mit Konsequenzen

Das Oberbayrische Volksblatt schrieb dazu in seinem Artikel Verwandte übergeben die Originale am 7. November 2012 unter anderem: Das lebenslustige, tüchtige und relativ unbeschwerte Mädchen hatte im Gegensatz zu ihren gleichaltrigen Freundinnen und Rosenheimer Schulkameradinnen einen schweren Geburtsfehler: sie wurde nämlich 1923 als Kind jüdischer Eltern geboren .

Der Familie Block wurde im Holocaust, wie unzähligen anderen Juden auch, nicht nur die Menschenwürde genommen. Sie wurden entrechtet und ihnen das Leben aberkannt. Lisi Block wurde nur 19 Jahre alt. Sie hätte ihr Leben noch vor sich gehabt. Sie hatte ihre Vorstellungen, Träume, Sehnsüchte und Hoffnung auf eine bessere Welt.